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tip-Autor Erik Heier will sich nicht an den Mauerfall erinnern – und tut es doch – Teil 2

Einmal wollte ein ehemals hochrangiger amerikanischer Offizier allen Ernstes von mir wissen, wieso wir vor dem Mauerfall nicht alle viel Grund und Boden gekauft hätten. Das muss doch billig gewesen sein im Kommunismus. Wir Ostdeutschen hätten damit später ein Vermögen machen können, fand er. Nach dem Sieg des Kapitalismus. Ich verstand die Frage einfach nicht. Ihr Ostdeutschen. Wir Ostdeutschen. In der DDR sollte ich immer Teil eines Kollektivs sein, eines großen sozialistischen Ganzen. Vom Ich zum Wir. Erst nachdem Umbruch wurde ich es wirklich. Man hat mich zwangskollektiviert.
Wenn nun die „Zonenkinder“-Autorin Jana Hensel in ihrem neuen, seltsam einfältigen Buch „Achtung Zone“ als Untertitel schreibt: „Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten“, möchte ich dabei bitte außen vorgelassen werden.

Mir reichte es immer völlig, Berliner zu sein. Damit hatte ich genug zu tun. Die DDR-Hauptstadt bekam damals exklusiv Südfrüchte und Bauarbeiter aus dem Rest des Landes. Auf unseren Klassenfahrten in die Bezirke Karl-Marx-Stadt, Leipzig oder Gera gab es deshalb von den sächsischen und Thüringer Jungs amtlich auf die Fresse. Wir waren nicht mal in der DDR ein Volk. Ich will mich nicht mehr erinnern. Alle anderen erinnern sich doch schon genug. Ich muss da leider entschuldigt fehlen. Alle Ex-DDR-Bürger haben ja ihre Geschichten. Alle haben ihre Erinnerungen. Ich gönne es ihnen. Wirklich. Jedem Einzelnen. Wer jetzt, zum Jahrestag, will und darf, schreibt Bücher oder lange Artikel. Sehr gute Bücher, auch passable, verzichtbare, ärgerliche. Formidabel ist etwa der Zeitzeugenband „Keine besonderen Vorkommnisse?“ der Berliner Landeszentrale für politische Bildung. Da zeichnet bespielsweise der damalige stellvertretende Leiter der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße, ein NVA-Oberstleutnant, das totale Chaos um die Öffnung des ersten Grenzübergangs nach.
Sehr oft schreiben Autoren aus dem Osten derzeit über sich. Und die Familie, die Schulklasse, die Berufsausbildung. Das lässt sich auch leichter recherchieren. Hauptsache, „DDR“, „Ostdeutsche“, „Mauerfall“ oder „Wende “ steht drauf. Das Verkaufsargument. Und dass das alles irgendwie symbolisch für das ganze kleine Land steht. Auf dem Rück­en der neuen, an sich sehr interessanten Familienchronologie „Haltet euer Herz bereit“ des Redakteurs der „Berliner Zeitung“, Maxim Leo, muss man beispielsweise lesen: „Die Familie von Maxim Leo war wie eine kleine DDR.“ Was zu beweisen wäre, aber nicht zu beweisen ist. Getoppt wird das allerdings vom Untertitel der bereits 2007 erschienenen Autobiografie „Geteilte Träume“ von Robert Ide, Journalist beim „Tagesspiegel“: „Meine Eltern, die Wende und ich.“ Gut. Wer es wissen will. Ich habe meine eigenen Eltern.

Mich nerven zunehmend die Geschichten aus einem immer ferneren Land, das mit den Jahren immer skurriler, schrulliger, unwirklicher wird für alle, die damals nicht dabei waren. Es ist wie mit den Ostalgie-Shows im Fernsehen, von denen neulich wieder eine auf RTL lief, moderiert von Oliver „Wem-sonst“ Geissen. Darin fuhr Henry Maske stolz wie Bolle einen Trabbi. Beim MDR waren sie sicher neidisch darauf. Die drollige demokratische Republik. Mit den kleinen Stasi-Grusel-Faktor für zwischendurch. Kein stink­normales Land. 1999 war es nicht so schlimm. Vielleicht wegen der nahen Jahrtausendwende, wie der Schriftsteller Robert Menasse in einem anderen großartigen Sammelband, „Die Nacht, in der die Mauer fiel“, mutmaßt. Das zehnte Mauerfall-Jubiläum blieb Nebensache. Ganz schön eigentlich. Normal ist das nicht.

Bei der Recherche für diesen Text bekam ich jedoch zufällig einen Bildband in die Hand, „East – zu Protokoll / for the Record“. Wunderbare Fotos. Keine Jubelbilder, keine Mythen in Sepiafarben. Alltagsfotos aus der Umbruchzeit, nicht nur der DDR, nicht nur BRD, alle möglichen und unmöglichen Länder. Dann kamen die Erinnerungen doch wieder hoch. Ein warmes, schmerzlich vertrautes Gefühl. Manchmal ist es seltsam, was das Gedächtnis mit einem anstellt. Verdammt, ich wollte mich doch nicht erinnern. Hiermit verspreche ich, niemals ein Buch über meine DDR-Jugend zu schreiben. Es kann sein, dass ich es doch mal tue. Dann aber werde ich mich an diesen Text nicht mehr erinnern. Dann habe ich es so gewollt. Keiner sonst.

Text: Erik Heier
Fotos: Harry Schnitger


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Renatus Deckert „Die Nacht, in der die Mauer fiel. Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989“, Suhrkamp
Robert Ide
„Geteilte Träume. Meine Eltern, die Wende und ich“, Luchterhand
Jana Hensel „Achtung Zone. Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten“, Piper
Maxim Leo „Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte“, Blessing
Gabriele Muschter/Rupert Strachwitz (Hg.) „Keine besonderen Vorkommnisse? Zeitzeugen berichten vom Mauerfall“, Stapp
Frank-Heinrich Müller (Hg.) „East – zu Protokoll / For the Record“, Steidl

 

BILDERGALERIE mit Fotos von Harry Schnitger

VERANSTALTUNGEN zum MAUERFALL-JAHRESTAG 2009

INTERVIEW MIT TILDA SWINTON ZUM MAUERFALL

INTERVIEW MIT WILFRIED ROTH ÜBER VOR UND NACH DEM MAUERFALL


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