Kultur

Brauereien in Berlin

Brauereien in Berlin

Dass Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der größten Brauereimetropolen Europas war, diese Geschichte ist zu groß für einen Bierdeckel. Aber die riesigen neogotischen Backsteinkathedralen zeugen noch von dieser genusskulturhistorischen Tatsache. Manche dieser Areale, so die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg, haben heute als Veranstaltungsorte eine neue Funktion gefunden, andere wie die Schultheiss-Brauerei auf dem Kreuzberg wurden unter dem Logo Viktoria-Quartier in schicke Lofts umgewandelt. Wieder andere wie die ehemalige Königstadt Brauerei in der Saarbrücker Straße standen zu DDR-Zeiten weitgehend leer und beherbergen heute Räume für Kleingewerbe, zunehmend aber Großraumbüros für aufstrebende Start-up-Unternehmen. In Moabit wird seit Jahren heiß über die weitere Nutzung des ehemaligen Schultheiss-Geländes an der Stromstraße diskutiert, ein Investor will neben einem Hotel dort auch eine weitere riesige Shoppingmall errichten.
Schon vor der Gründung des Kaiserreichs 1871 war die Bierproduktion ein umsatzstarker Wirtschaftszweig in der rasant wachsenden preußischen Metropole. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Berlin vor allem die obergärige Weiße gebraut, um 1860 etwa 340?000 Hektoliter, vom hellen, untergärigen bayrischen Bier wurde nur knapp die Hälfte umgesetzt. Die typischen Weißbierstuben brauten oft selbst, getrunken wurde die Berliner Weiße direkt vor Ort, statt wie heute mit süßem Sirup als „Weiße mit Strippe“ – also mit einem Schuss Korn oder Kümmellikör. Doch auch der Biergeschmack unterliegt der Mode.
Der helle, spritzigere Gerstensaft aus dem Süden wurde en vogue, wie der Ingenieur Karl-Heinz Pritzkow bei seinen Führungen erzählt. Der gelernte Brauer begleitet Besucher durch die ehemalige Weißbier-Brauerei Willner in Pankow, die um die vorige Jahrhundertwende gebaut wurde. Bis 1989 befand sich hier an der Berliner Straße das VEB Getränkekombinat, später erwarb die Berggruen Holding das Gelände. Die Hälfte der Fabrikgebäude wurde abgerissen, das frei gewordene Gelände an Baugruppen verkauft. 4?000 Quadratmeter denkmalgeschützte Brauerei blieben erhalten und werden nun als WBB-Kulturgelände zwischengenutzt. Freie Künstler und Gruppen arbeiten und proben hier, in Emils Biergarten wird wieder ausgeschenkt, der Vertrag läuft bis 2022.
Wie Pritzkow bei seinen Führungen berichtet, veränderte die Einführung des hellen bayerischen Bieres die preußische Brauereilandschaft erheblich. Um das untergärige Blonde brauen zu können, brauchte man konstante Temperaturen von unter zehn Grad Celsius. Entsprechend tiefe Brau- und Lagerkeller zu graben war schwierig in Berlin, das Grundwasser lag oft direkt unter dem sandigen märkischen Boden.
Auf den Erhebungen am Stadtrand, dem Windmühlenberg an der Barnimkante, dem heutigen Prenzlauer Berg, oder auf dem Kreuzberg, am Beginn des Berliner Urstromtales, war es aber möglich, bis zu 20 Meter in die kühlende Tiefe zu gehen. Dieser Methode des Brauens verdanken wir auch die großen, üblicherweise direkt an den Brauereien eröffneten Biergärten: Schnell wachsende Bäume wie die heute noch beliebten Kastanien hielten heiße Sonnenstrahlen von den kühlen Fass­kellern ab und sorgten gleichzeitig für beschatteten Freiluftumsatz.
Die wachsende Industrialisierung brachte immer mehr Menschen in die preußische Metropole, die Nachfrage nach dem untergärigen Bier stieg weiter. Viele Produktionsstätten wie die Bötzow-Brauerei im heutigen Kollwitzkiez oder die Vereinsbrauerei Berliner Gastwirte zu Berlin AG ­(später Berliner Kindl) in Neukölln wurden zwischen 1860 und 1880 gegründet. Sie spezialisierten sich auf das Brauen des untergärigen Bieres. Die Industrialisierung bei der Bierproduktion verdrängte gleichzeitig viele der kleinen Brauereien. Bald hielten auch neue Techniken beim Bierbrauen Einzug. Carl von Lindes Kühlsystem, das er 1873 zum Patent angemeldet hatte, machte den Brauvorgang unabhängig von den Jahreszeiten.

Brauereien in Berlin

Die Gründerzeit schuf neue Absatzmärkte, die Ernennung zur Hauptstadt des Kaiserreichs sorgte ab 1871 für eine weitere Dynamik. Lebten um 1850 herum noch rund 500?000 Menschen in Berlin, waren es schon bei der Volkszählung von 1895 fast 1,7 Millionen Einwohner. Allein 95 Brauereien gab es noch 1913 in der deutschen Hauptstadt, bevor der Erste Weltkrieg und die spätere Inflation viele kleinere Braustätten in den Ruin oder in die Hände der großen Konzerne trieb. „Am Rückgang der Brauereien war zum einen die Biersteuererhöhung von 1909 schuld, zum anderen aber auch die Kontingentierung der Braugerste nach Kriegsbeginn 1914“, sagt Pritzkow. „Um an zusätzlichen Absatz zu kommen, kauften die Großbrauereien die kleinen auf und schlossen sie dann.“
Auch für die ehemalige Königstadt Brauerei, die 1851 aus einem Bierausschank hervorgegangen war, bedeutete die wirtschaftliche Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg das Aus. 1921 wurde hier die Bierproduktion beendet, das Gelände wurde im Laufe der Jahrzehnte für viele Zwecke genutzt: als Lagerräume, Werkstätten für Autos, zur Rüstungsproduktion und als Luftschutzkeller im Zweiten Weltkrieg. Später sogar für die Champignonzucht im real existierenden Sozialismus, wie Niko Rollmann erzählt. Für den Verein unter-berlin e. V. führt er drei- bis viermal im Jahr durch die alten Gewölbe an der Saarbrücker Straße, die heute noch als Garagen dienen. „Hier finden sich sämtliche Zeitzeugnisse der vergangenen 170 Jahre“, erzählt er, „von der Arbeiterbewegung in der Bismarck-Ära bis zu den letzten Tagen der DDR.“ Auch ältere Alkoholdepots, die vermutlich noch aus DDR-Zeiten stammen, hätten er und seine Vereinskollegen bei ihren unterirdischen Streifzügen immer wieder mal entdeckt. Die unterirdischen Gänge aus dem 19. Jahrhundert sind noch im Originalzustand, Leuchtstreifen und vermauerte Zugänge zeugen von den Bunkern, Graffitis von illegalen Partys, die hier zu Wendezeiten gefeiert worden sind. „Hinter den verschlossenen Zugängen verbirgt sich sicher nichts, aber der Anblick regt die Fantasie der unterirdischen Besucher schon regelmäßig an“, erzählt Rollmann.
Der Zweite Weltkrieg und die anschließende Teilung der Stadt haben auch in der Brauereikultur ihre Spuren hinterlassen. Die Willner Brauerei AG in Pankow wurde 1949 in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt, später als „Unterabteilung Weißbier“ des VEB Getränkekombinats geführt. 30?000 Hektoliter der Berliner Weißen braute das Unternehmen noch bis zum Schluss. 1990 übernahm der Brau- und Brunnenkonzern der Oetker-Gruppe den Ostberliner Betrieb, die „Unterabteilung Weißbier“ wurde abgewickelt. Ähnlich ging es auch der Bärenquell Brauerei in Treptow, die als Teil der VEB Berliner Brauereien von der Treuhand an die hessische Henninger Bräu AG verscherbelt wurde: 1994 wurde hier der letzte Hektoliter abgefüllt, nur die Marke Bärenquell wurde über viele Umweg noch bis 2009 aufrechterhalten.
Besser erging es Bürgerbräu in Köpenick, der ältesten Bierproduktionsstätte Berlins, die im Jahr 1753 gegründete „Familienbrauerei im Grünen“, die zu den beliebtesten Berliner Marken zu DDR-Zeiten zählte. 1990 wurde der Betrieb privatisiert und konnte nur mit Müh und Not 20 Jahre Kapitalismus überstehen, bevor 2010 die Produktionsstätte an der Müggelspree geschlossen wurde. Heute beherbergen die Gebäude ein Biermuseum. Immerhin wird das beliebte „Rotkehlchen“ von Bürgerbräu immer noch bei Radeberger in Hohenschönhausen gebraut.

Brauereien in Berlin

Heute werden nach Angaben des Deutschen Brauerbundes in Berlin und Brandenburg rund drei Millionen Hektoliter Bier jährlich erzeugt. Absoluter Marktführer in der Hauptstadt ist die Radeberger Gruppe, die seit 2006 im großen Werk in Höhenschönhausen sieben der bekanntesten Berliner Marken wie Kindl, Schultheiss und Berliner Pilsener produziert, fast 90 Prozent des gesamten Brauertrags.
Daneben bringen sich seit einigen Jahren immer mehr kleine Brauereien in Stellung, deren hausgemachte Craft-Biere oft nur direkt vor Ort getrunken werden können. Beinahe wie in den Weißbierstuben des 19. Jahrhunderts, nur etwas hipper. Über 20 dieser aktiven Kleinbrauereien sind bei der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin bereits registriert und beinahe monatlich werden es mehr. Doch das ist schon ein anderes, ganz neues Kapitel in der langen Berliner Brauereigeschichte.

Text: Michael Pöppl

Foto: Yoav Lerman/ flickr.com;  Stefan B./Wikimedia;

Führungen

Die ehemalige Königstadt Brauerei Saarbrücker Straße, ?Prenzlauer Berg, www.berliner-unterwelten.de
Weißbier-Brauerei Willner
Berliner Straße 80-82 in Pankow, www.wbb-pankow.de


Übersicht der wichtigsten Brauerei-Areale in Berlin:

Bärenquell
Schnellerstraße 42, Treptow. Erbaut: ab 1882.
Heute: Die Industrie­brache harrt der Dinge. Zuletzt ist ein Baumarkt
als möglicher Investor abgesprungen.

Bötzow Berlin
Prenzlauer Allee 242, Prenzlauer Berg. ?Erbaut:
1885. ?Heute: Hans Georg Näder, Vorstand des Orthopädieunternehmens
Ottobock, hat das Areal gekauft. Kunst, Start-ups und Tim Raues La Soupe
Populaire

Bürgerbräu?
Müggelseedamm 164-166, Friedrichshagen?. Erbaut: ab 1753. ?Heute: weitgehender Leerstand, ein privates Biermuseum.

Königstadt
Saarbrücker Straße 24, Prenzlauer Berg. ?Erbaut: ab 1851?. Heute: Büros und ­Kleingewerbe

Kulturbrauerei
Schönhauser Alle 36, Prenzlauer Berg. ?Erbaut: ab 1867. Heute: Kulturareal

Rollberg Areal
Rollbergstraße, Neukölln. Erbaut: ab 1872?.
Heute: Das SchwuZ ist kürzlich in die Rollbergstraße gezogen. Zudem wird
hier wieder (Rollberg) Bier gebraut.

Schultheiss-?quartier
Turmstraße, Moabit, Erbaut: 1872 ?Heute: Die Mall-of-Berlin-Investoren würden hier gern eine weitere Mall errichten.

Viktoria-Quartier
Mehtfesselstraße, Kreuzberg. Erbaut: ab 1862. ?Heute: Lofts und Eigentumswohungen 

Willner
Berliner Straße, Pankow?. Erbaut: ab 1882. Heute: Kultur, Gewerbe, Kulinarik; das Areal gehört inszwischen zum Berggruen-Portfolio.

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