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10 Jahre Lyrik-Verlag kookbooks

kookbooks_daniela-seelKaffee, abends um acht, serviert in einer verrumpelten Küche, dauerhaftes Provisorium, die „Stelle“, an der Daniela Seel zum Interview empfängt. Die Frau, die seit nunmehr zehn Jahren den in den Feuilletons von taz bis Faz mit Lob überschütteten Lyrik-Verlag kookbooks leitet, hat sich mitnichten eingerichtet in ihrer Verlegerexistenz. Von Saturiertheit keine Spur. Kisten bis unter die Decke, Rudimente ihrer Kindheit wie „Das Spiel des Wissens“ neben Gartengeräten aus Idstein, dem Ort im Rheingau, in welchem der Verlag bis vor Kurzem ansässig war.

Nun ist man auch offiziell in Berlin, wo ohnehin alles seinen Anfang nahm, damals, Ende der 90er-Jahre, als junge Lyriker wie Uljana Wolf, Jan Böttcher, Monika Rink und eben Daniela Seel sich in Netzwerken verbanden, gemeinsam Lesungen organisierten, aneinander lernten; zu einer Zeit, als die großen Verlage die Lyrik aus ihren Programmen verbannten. „Und aus diesen Zusammenhängen heraus sind dann Manuskripte entstanden, die einfach druckreif waren“, sagt Daniela Seel. So entschied sie sich, die in vieles mal hineinstudiert und außerdem eine Ausbildung zur Verlagskauffrau absolviert hat, zur Gründung von kookbooks als infrastrukturellem Kristallisationspunkt für die sich avantgardistisch wähnende Poetenszene. Auch Andreas Töpfer, der bis heute die ansehnliche Gestaltung der meist schmalen Gedichtbände zu verantworten hat, war von Anfang an dabei.

Transmediales Künstlerensemble

kookbooks_cover-honigprotokollekookbooks_cover-wolf-kochanieMan verstand sich immer schon als transmediales Künstlerensemble. Bereits seit Beginn der Nullerjahre gab es musikalisch-literarische Mischformate. Daniela Seel präferiert denn auch jene Art von Lyrik, die „ein Bewusstsein für musikalische und prosodische Kompositionselemente mitbringt und nicht von einer narrativen Richtung herkommt.“ Überhaupt scheint es ihr mehr um das Wie zu gehen als um das Was. Immer wieder regt sie an, aus „gewissen Sprachstandards“ auszubrechen, konventionelle „Satzförmchen“ zu hintergehen und die allen gemeinsame Sprache zu übersteigen.
Aber läuft man in dieser unbedingten Suche nach dem sprachlichen Wagnis, in dieser Verabsolutierung der Form, nicht Gefahr, jede Authentizität zu verabschieden? Vom Authentischen will Daniela Seel nichts wissen. Man könne ohnehin nicht authentisch sprechen, weil einem die Sprache nicht gehöre. In dieser theoretischen (oder vielmehr strukturalistisch geprägten) Betrachtung kommt das Authentische im Hinblick auf das Bedürfnis zu schreiben, der Umstand, dass jemand was zu sagen hat, vielleicht ein wenig zu kurz.

Aber etwas mitteilen will man ja auf jeden Fall und fällt dann zumindest mit dem programmatischen Slogan „Poesie als Lebensform“ ins „Förmchenhafte“ zurück. ei’s drum. Das zehnjährige Jubiläum – auf dem „Das amortisiert sich nicht“ betitelten Fest wird es neben Lesungen und Musik auch Live-Zeichnungen von Andreas Töpfer geben – ist in jedem Fall ein Grund zum Feiern für alle Literaturbegeisterte, und zwar gerade, weil sich der Independent Verlag bis heute nicht amortisiert hat, aber jeder ökonomischen Unbill die Stirn bietet.

Hierarchische Konstellationen wolle man überwinden, sagt Daniela Seel, vor allem jene von Autor und Rezipient; den Umstand, dass der Leser die fertigen Gedanken des Dichters bloß konsumiere. So schwärmt sie denn auch immer wieder von literarischen Kunstformen jenseits der Buchdeckel, von der poetischen Performance, in der nichts abgeschlossen, nichts endgültig sei. Es bleibt also alles in Bewegung: im Leben, in der Lyrik und in der Wohnung von Daniela Seel. „Ich kann diese Stelle nicht wiederfinden“, heißt übrigens ihr eigener Gedichtband.   

Text: Christoph David Piorkowski
Foto: Alexander Gumz


Das amortisiert sich nicht
10 Jahre kookbooks – Labor für Poesie als Lebensform. Das Geburtstagsfest,
im Theater­discounter Berlin, Klosterstraße 44, Mitte,
Di 14.5., 19 Uhr, www.kookbooks.de

 

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