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100 Jahre Erster Weltkrieg: empfehlenswerte Bücher

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Die Ausstellung „Der Erste Weltkrieg in Farbe“ im Willy-Brandt-Haus zeigt zurzeit den Krieg in eindringlichen Fotos – eine kostenfreie Ergänzung zu unseren Lektüretipps

Alle Literatur begann im Krieg. Im Abendland mit den zornigen Griechen in Homers „Ilias“. Und der Krieg blieb ein Ort für die ganz große Literatur, bis in die Postmoderne  hinein – wenn Kurt Vonnegut das Trauma eines Heimgekehrten modelliert, indem er imaginierte Zeitreisen und Außerirdische in den Kopf seines Protagonisten setzt, dessen Weltbild aus den Angeln gehoben wurde.

Der Erste Weltkrieg blieb uns gleichwohl lange fern, trotz Erich Maria Remarques Standard-Schullektüre „Im Westen nichts Neues“ und Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“. Ein Meilenstein war da die sensationelle 2003er Neuübersetzung von Louis-Ferdinand Cйlines „Reise ans Ende der Nacht“ durch Hinrich Schmidt-Henkel, der den Ekel am Krieg auf die drastischste Weise ausformulierte.

In diesem Frühjahr erscheint nun, zum 100. Jahrestag, eine ganze Fülle empfehlenswerter Weltkriegsbücher – ganz anders als bei den Filmemachern, die im Sujet offenbar kein Potenzial mehr spüren, abgesehen von „Das weiße Band“ und „Das Große Heft“. Eine komplementäre Bandbreite europäischer wie amerikanischer Klassiker ist in Horst Launingers „Über den Feldern“ versammelt – von Virginia Woolf (endlich eine Frau, die über Krieg schreibt, sehr subtil, wie von ihr zu erwarten) über Kafka, Proust bishin zu Borges und Thomas Wolfe.

Schauplatz sind dabei keineswegs nur die erwartbaren Schützengräben, sondern auch Hinterland, zivile Refugien, innere Fluchten, Ideen- und Seelenräume. Auf Basis der Klassiker lassen sich aber auch eindringliche Neuentdeckungen machen, wie etwa „14“ von Prix-Goncourt-Preisträger Jean Echenoz, der selbst in Frankreich noch recht unbekannt ist. Im leicht melancholischen Extrem-Zeitraffer erzählt Echenoz empathisch aus der Perspektive dreier sich nahestehender Figuren von den Idyllen, in die der Krieg eindringt, und von ihrem opportunistischen Naturell. Aber ohne zu verurteilen.

Überhaupt kommen die literarischen Innovationen aus Frankreich: Йric Vuillards „Ballade vom Abendland“ tilgt auch die letzten Überreste von Heldenmut und Opferschwelgen: „Die Hoden quellen durch ihre Hauttasche, die Köpfe schneiden andere Grimassen. Ganz schnell sind diese jungen Leute nichts mehr als Elsternnester, Schnäbel picken sie an, Rüssel saugen sie aus.“ Daneben detailwitzige Betrachtungen über Hindenburgs Mund, aber auch verstörende Fotos von Männern, die aus der Nacht zurückkommen und unentwegt in sie zurückkehren.

Ein pointiertes Berliner Zeitbild von 1914 zeichnet Christoph Poschenrieder in „Das Sandkorn“ und wird dabei doch höchstpersönlich: Ein Kunsthistoriker flieht in den letzten Tagen des Kaiserreiches aus Berlin nach Süditalien – aus Angst davor, als Schwuler diffamiert zu werden.
Insgesamt wagen die herausragenden Neuheiten zumindest kleinere Formexperimente, einen spöttischen Unterton gegenüber allen Nationalismen, und sie entfernen sich tendenziell von den klassischen Kriegsschauplätzen. Aber auch dort bleibt man als Leser nicht unversehrt.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Galerie Bilderwelt

Literaturtipps

Horst Launinger (Hrsg.): „Über den Feldern“ Manesse, 784 Seiten, 29,95 Ђ

Jean Echenoz: „14“ aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser Berlin, 128 Seiten, 14,90 Ђ

Йric Vuillard: „Ballade vom Abendland“ aus dem Französischen von Nicola Denis, Matthes & Seitz, 166 Seiten, 19,90 Ђ

Christoph Poschenrieder: „Das Sandkorn“ Diogenes, 416 Seiten, 22,90 Ђ

Sebastian Barry: „Ein langer, ­langer Weg“ übersetzt durch Hans-Christian Oeser, Steidl, 368 Seiten, 24,00 Ђ

Geert Buelens: „Europas Dichter und der Erste Weltkrieg“ aus dem Nieder­ländischen von ­Waltraud Hüsmert, Suhrkamp,
459 Seiten, 26,95 Ђ

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