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„3,345108 Millionen Berliner – von denen hier einige erzählen, wer sie sind, wie sie leben und was das alles soll“

Alexander_KrexWenn über die Berliner Art, den Charme dieser Stadt und ihre Charaktere geschrieben wird, liest sich das oft so, wie eine Currywurst in Osnabrück schmeckt. Doch dieses Buch funktioniert, weil die insgesamt 40 Porträts eher literarisch als dokumentarisch angelegt sind. Das fühlt man schon mit dem ersten Satz: „Da läuft ein Mann mit Brillengläsern so dick, dass sie traurig machen“, schreibt Alexander Krex über den Maler Anton, der nur heimlich glücklich ist. Die begleitenden Illustrationen von Francisca Ruff unterstreichen, dass nicht nur Reportage betrieben wird – es geht nicht um Aufklärung und schon gar nicht um eine Sozialstudie. Auch sind die Begegnungen niemals voyeuristisch. Stattdessen: Unterhaltung aus dem urbanen Wunderland, nicht mit billigem Witz, sondern komisch im doppelten Wortsinn, manchmal sanft melancholisch, oft auch ein bisschen tragisch. Der Leser wird ausschnittweise in das Leben der Anderen gebeamt.

Zum Beispiel zwischen die Getränkekisten von Mohammed, dem Abiturienten, der am Mehringdamm im Späti seines Onkels arbeitet, welcher eigentlich gar nicht sein Onkel ist. Oder zu Dorette, der Ärztin ohne Kittel, die 1986 an jenem Tag in Berlin landete, als der Anschlag auf die Discothek „La Belle“ die Stadt erschütterte. Auch Jürgen wird vorgestellt, der akkurate Bewährungshelfer aus einem Weddinger Justizgebäude, der „eine Scheibe Brot bis in alle vier Ecken mit Butter bestreicht“. Alexander Krex, der als Journalist unter anderem für „Brandeins“ und den „Tagesspiegel“ schreibt, ist immer mehr Beobachter als Interviewer und lässt seine Protagonisten über längere Passagen zu Wort kommen. Würden die O-Töne an manchen Stellen nicht in den Berliner Akzent verfallen, könnte man fast den Bezug zur Stadt verlieren. Das war auch die Intention des Verlages: ein Buch aus und nicht über Berlin.

Offen bleibt allerdings das Versprechen des Titels: „Was das alles soll“, fragt man sich auch nach der letzten Seite. Und stört sich nicht daran – wahrscheinlich das größte Kompliment für dieses Buch.

Text: Jan Schimmang

tip-Bewertung: Lesenswert

Alexander Krex: „3,345108 Millionen Berliner – von denen hier einige erzählen, wer sie sind, wie sie leben und was das alles soll“ Rogner & Bernhard, 295 Seiten, 22,99 Ђ

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