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36 Stunden Heiner Müller

Heiner Müller MP3Heiner Müller konnten die westdeutschen Intellektuellen, die von der Wiedervereinigung überrascht wurden, nur leidtun. Sie hätten einfach die Bild-Zeitung lesen sollen, da stand alles drin, höhnte Müller ein paar Jahre nach dem Ende der DDR in einer Diskussion: „Als die Bild-Zeitung anfing, DDR ohne Anführungszeichen zu schreiben, wusste man eigentlich: Es ist vorbei.“ Und überhaupt sei die Bild-Zeitung derzeit ohnehin das beste, was die deutsche Literatur zu bieten habe. Was natürlich kein Kompliment für die Bild-Zeitung, sondern eine Ohrfeige für die Gegenwartsliteratur war. Müller schließt in seinen Interviews und Statements immer wieder kalten Ekel, rasiermesserscharfe Analysen und tiefschwarzen Humor kurz. Jetzt kann man ihm dank einer heroischen Edition des Alexander Verlages dabei zuhören: Auf 4 MP3-CDs ist alles gesammelt, was sich an Müller-Lesungen, Interviews und Diskussionsbeiträgen in diversen Rundfunk-, Fernseh- und Privatarchiven erhalten hat, Tonmaterial von 1972 bis 1995. Insgesamt 36 Stunden Heiner Müller, samt dem berühmten Räuspern, den verblüffenden Gedanken- und Assoziationssprüngen und der Lakonie, die ungerührt von der Brutalität des Faktischen ausgeht. Man hört Heiner Müller beim Denken zu. Und das ist wesentlich faszinierender als das Gemurmel des gesamten derzeitigen Kulturbetriebs und abgründiger als etwa 99 Prozent dessen, was so im Theater läuft. Wer sich diese CD-Edition entgehen lässt, ist selber schuld.

Text: Peter Laudenbach

Heiner Müller / Kristin Schulz: MÜLLER MP3, 4 mp3-CDs und ein Begleitbuch, Alexander Verlag, 68 Euro

Fünf-Uhr-Tee, Akademie der Künste, Martin Wuttke u.a. erinnern an Heiner Müller. Sonntag, 10.4., 17 Uhr

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