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50 Jahre Wagenbach Verlag

Wagenbach Verlag

 

Über den Verlag: 1964 von Klaus Wagenbach in Berlin gegründet, avancierte der Verlag mit Autoren wie Günter Grass, Ingeborg Bachmann und Erich Fried zu einem renommierten linksprogramma­tischen Unternehmen. Bekannt sind die hochformatigen, in rotem Leineneinband gehaltenen Bücher der SALTO-Reihe, die ab 1987 verlegt wurde. Als ­politisch-theoretische Schriften erschienen unter anderem die „Rotbücher“, eine Reihe, die der APO ­ge­widmet war, und die Vierteljahrsschrift „Kursbuch“ von Herausgeber Hans Magnus Enzensberger. Im Jahr 2008 feierte der Verlag seinen ersten Bestseller-Erfolg mit Alan Bennetts ­“Die souveräne Leserin“.

tip Geschichtsbewusstsein, Anarchie, Hedonismus – so haben Sie einst begonnen. Wie lautet die Programmatik des Verlages im Jahre 50 nach der Gründung?
Susanne Schüssler?Sorgfalt und Ernsthaftigkeit, Widerständigkeit sowie Lust und Laune.

tip Klingt zum Teil etwas bieder.
Susanne Schüssler  Sie richten sich gegen die Schlampigkeit und Wurstigkeit, mit der heute oft Bücher gemacht werden. Sie richten sich aber nicht gegen ?Anarchie und Geschichtsbewusstsein, zwei in den 70er-Jahren formulierten Maximen: Beides kann uns Deutschen ja nicht schaden. Aber mit der dritten von damals, Hedonismus, sind wir schnell bei der Spaßgesellschaft und der oben erwähnten Wurstigkeit.

tip Wagenbach ist anders? Was ist dieses viel beschworene Andere?
Susanne Schüssler Wir machen Bücher aus Überzeugung und nicht aus Marktinteresse.
Klaus Wagenbach Wir suchen das Neue, Ungewöhnliche, Experimentelle – und finden es meistens auch.

tip Trotzdem reden Sie von schrumpfenden Leserzahlen.
Susanne Schüssler Zum einen kämpfen alle Verlage mit der Überalterung der Leser. Zum anderen hat unser Leben wahnsinnig an Tempo zugelegt …
Klaus Wagenbach … und Bücher verlangsamen, mit diesem Widerspruch kommen viele nicht klar.

tip Haben die jungen Leser am Ende Angst vor der Langsamkeit der Lektüre?
Susanne Schüssler In den 70er-Jahren musste man, um dazuzugehören, bestimmte Bücher im Regal stehen haben. Heute, man muss sich nur die Kids anschauen, gelten andere Statussymbole. Wer das neueste Wischding hat, ist der Hippste, aber nicht der, der Adorno im Regal stehen hat.

tip Wie kann man als Verlegerin den Wischdingern, sprich Tablets, Smartphones etc., Paroli bieten?
Susanne Schüssler Mit Büchern, die mehr sind als hingerotzter „Content“. Zum Beispiel mit unseren handwerklich besonders schön gemachten SALTO-Bänden.

tip Was halten Sie von E-Books?
Susanne Schüssler  Machen wir, hängt aber nicht mein Herz dran.

tip Frau Schüssler, Sie sind jetzt seit zwölf Jahren am Ruder. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Innovationen seitdem?
Susanne Schüssler Innovationen interessieren mich nicht. Womit ich zufrieden bin: Dass wir die Reihe „Politik“ wieder ins Leben gerufen haben. Neulich wurde sogar im Bundestag aus einem unserer Bücher zitiert.

tip Aus welchem?
Susanne Schüssler Aus einem Buch mit harten Fakten, es heißt „Sparprogramme töten“ und geht um die Folgen der aufgezwungenen Sparpolitik zum Beispiel in Griechenland.

tip Das Verb schafft den Übergang zu einer letzten Frage. Herr Wagenbach, Sie wandern stramm auf die 84 zu. Denkt man da oft an den Tod?
Klaus Wagenbach  Oh ja, durchaus. Aber ich habe noch viele Projekte: der Abschluss der VASARI-Edition, dann mein im September erscheinendes Buch „Störung im Betriebsablauf. 77 kurze Geschichten für den öffentlichen Nahverkehr“ und so weiter.

tip Ein anspielungsreicher Titel. Hat das was mit Sex zu tun?
Klaus Wagenbach
  Nicht ganz. Die Geschichten sind für den Untergrund, die Berliner U-Bahn, die bekanntlich auch in luftiger Höhe fährt.
Susanne Schüssler Klaus ist nämlich seit Monaten damit beschäftigt, eine Anthologie zu machen und hält uns alle damit …

tip … auf?
Susanne Schüssler … auf Trab. 

Interview: Andreas Burkhardt

Foto: Cordula Giese


Zum Jubiläum wird in der Staatsbibliothek eine Ausstellung zur Verlagsgeschichte gezeigt. ­Potsdamer Straße 33, Tiergarten, Mo–Fr 9–21 Uhr, Sa 10–19 Uhr, bis 12.7.

 

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