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„75 Jahre Marvel. Von den Anfängen bis ins 3. Jahrtausend“

Bereits das Auspacken des mächtigen Bildbandes – 30 x 40 cm groß, 712 Seiten stark, 7,5 Kilo schwer – aus dem herrlich gestalteten Pappkarton gleicht einem Ritual. Man blättert ergriffen wie in einem illuminierten Folianten die glänzenden, bunt bebilderten Seiten voller Original-Cover, dokumentarischer Fotografien, Skizzen und Abenteuer von Spider-Man, Captain America, The Incredible Hulk, Iron Man, Thor, ?X-Men, The Fantastic Four und vielen anderer Superhelden, von denen einige weniger bekannt sein mögen und die dennoch zum Marvel-Universum gehören.
 „75 Jahre Marvel. Von den Anfängen bis ins 3. Jahrtausend“ ist die Festschrift einer der größten Mythenschmieden der Neuzeit. Wohl nur vergleichbar mit Disney, DC Comics, der Heimat von Batman und Superman, und der Traumfabrik Hollywood selbst. Jetzt schon ein Standardwerk der Comicforschung. Von den Anfängen im Jahre 1939, als viele der Helden aus der goldenen Ära der Comickultur dem Ruf des US-Patriotismus folgend in den Krieg gegen die Nazis zogen, über die bleiernen Zensurjahre der 1950er und die ästhetischen und grafischen Revolutionen der 1960er- und 1970er bis in futuristische Galaxien der Gegenwart setzte Marvel jene sprichwörtlichen Maßstäbe, die heute mehr denn je die globale Pop-Kultur prägen.
Doch jenseits der finsteren Schurken und schillernden Superhelden, die längst auf Tausenden von Merchandise-Produkten prangen und milliardenschwere Blockbuster-Reihen bevölkern; und auch jenseits der atemberaubenden Leistung von Zeichnerlegenden wie Jack Kirby, Stan Lee, Steve Ditko, John Romita oder John Buscema, liegt die Bedeutung von Marvel, die sich in diesem spekatkulären Band derart prächtig darbietet, auf einer noch höheren Ebene.
Galten die bunten Heftchen vor wenigen Jahrzehnten als verbietungswürdiger Schund, sind sie heute universell anerkanntes Kulturerbe. Darüber kann auch die galoppierende Kommerzialisierung des Superhelden-Genres nicht hinwegtäuschen. Marvel, das ist die große Erzählung vom Kampf des Guten gegen das Böse – von Mut, Gefahr, Verrat, von Leben und Tod. Mal hanebüchen und skurril, mal episch oder gar tief schürfend, gehören die kostümierten Helden mit all ihren Stärken und Schwächen in eine ewige Reihe, in der zuvorderst die großen Sagen der Menschheit stehen: ob die griechische „Ilias“, die nordischen „Edda“ und „Kalevala“ oder das germanische „Nibelungenlied“.
Die Marvel-Comics bilden nichts weniger als ein Epos für das ?20. Jahrhundert, denn auch sie gründen sich auf dem zutiefst menschlichen Bedürfnis nach Mythos, weil es eben der Mythos ist, der uns den Ort begreifen lässt, an dem wir uns befinden, die Welt selbst in all ihrer Ungeheuerlichkeit. Über Jahrtausende hinweg entwickelte wohl jede Kultur – ob Inder, Ägypter, Griechen oder Skandinavier – aus Erzählungen und Geschichten die abstrahierte Form der Sagen, Märchen und Legenden. Religionsgründer und Philosophen verbauten sie zu geistig-moralischen Systemen, Künstler aber verarbeiteten diese großen Narrationen zu zeitlosen Werken.
In den USA waren jene Künstler ab 1939 beim New Yorker Verlag Marvel angestellt. In mehr als sieben Jahrzehnten schufen sie einen gewaltigen Mythenschatz, der sich erst bei Millionen von Kindern und Jugendlichen im Kopf festsetzte und der heute, in Kinofilmen, Computerspielen oder TV-Serien, die halbe Welt beschäftigt. Diesen Schatz würdigt „75 Jahre Marvel“ kongenial.

Text: Jacek Slaski

Fotos: MARVEL/Courtesy TASCHEN

75 Jahre Marvel Hrsg. von Roy Thomas & Josh Baker, ?Taschen Verlag, Englisch mit deutschem Übersetzungsbeiheft, 712 Seiten, ?2.000 Abbildungen, 150 ?Euro

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