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Berliner Schriftsteller

Abbas Khider kehrt mit „Palast der Miserablen“ in den Irak zurück

Kann man jemals wieder lachen, wenn man einmal durch die Hölle gegangen ist? Offenbar schon. Zumindest lacht Abbas Khider viel, als wir uns an einem grauen Januartag in der Schankwirtschaft Laidak in Neukölln treffen. Die verrauchte Kneipe in der Boddinstraße war einer seiner ersten Anlaufpunkte, als er in Berlin ankam.

Wurde in Saddams Kerkern gefoltert und lebt jetzt in Berlin: Abbas Khider, Foto: Thomas Hummitzsch

Irgendwann Anfang der 2000er Jahre war das. Er hatte aus dem Irak fliehen müssen, nachdem er in den Verließen des Diktators Saddam Hussein misshandelt und gefoltert wurde. Über Jordanien und Libyen schlug er sich nach Deutschland durch. Hier holte er das Abitur nach, studierte und begann zu schreiben. In seinen Texten verarbeitet er die Erfahrungen, die er, aber auch andere, auf der Flucht („Der falsche Inder“), im Knast („Die Orangen des Präsidenten“), im Exil („Brief an die Auberginenrepublik“), mit den deutschen Asylbehörden („Ohrfeige“) oder aber beim Lernen der deutschen Sprache („Deutsch für alle“) gemacht haben.

Mit seinem neuen Roman kehrt Abbas Khider in den Irak zurück. Der junge Shams Hussein erzählt darin vom Leben in Bagdad in den 1990er Jahren. Seine Familie zieht nach dem Kuwait-Krieg aus dem Südirak in die Hauptstadt und lässt sich dort im fiktiven „Blechviertel“ unweit der Müllberge der Stadt nieder. Von hier erobert Shams seine neue Umgebung und beobachtet die Welt. Seine selbstbewusste Schwester verteidigt den Schmalhans gegen halbstarke Jünglinge, sein gewissenhafter Vater nimmt ihn mit auf den Basar. Er begleitet seine hellseherische Mutter in die Moschee und entdeckt irgendwann den Büchermarkt für sich. Dort trifft er Hisham wieder, einen entfernten Verwandten, der ihn in seinen nicht völlig unpolitischen Literaturzirkel einführt: jenen Zirkel, der dem Roman seinen Namen „Palast der Miserablen“ gibt.

Der Hauptteil der Handlung erstreckt sich vom Anfang der 1990er bis in die 2000er Jahre. Es ist die Zeit des Wirtschaftsembargos, „die bis heute literarisch kaum verarbeitet ist“, erklärt Khider. Er hält das für überfällig, nicht nur, weil diese Phase in der jüngeren irakischen Geschichte „der Gegenwart den Stempel aufgedrückt hat“, sondern auch, weil immer noch Embargos als politisches Druckmittel eingesetzt werden, „ohne dass wir wissen, was das für die Menschen heißt, die es betrifft“.

Literatur könne das ändern. Sie brauche kein Visum, um Grenzen zu überschreiten, sondern schaffe es, über das Teilen von Geschichten Empathie und Verständnis auszulösen. „Wir sind alle miteinander verbunden, Literatur macht das spürbar.“ Sie sei, so erklärt er mit Nachdruck, „das feinste Mittel gegen das Vergessen“.

Entsprechend hat sie auch in diesem großen Roman einen besonderen Stellenwert. Die Verantwortung von Literatur und Poesie gehe in einer Diktatur viel weiter als in einer Demokratie, kommentiert Khider. Schließlich könne jedes Wort das Leben kosten.

Shams findet in ihr Zuflucht vor der harten Realität. Kunst und Literatur seien in einer Diktatur „bei aller Gefahr eben auch Rettung. Lesen und Schreiben wird dann zu einer revolutionären Tat.“

Die Isolation und die Seele

Dass auch Shams mit diesem revolutionären Potential in Berührung kommt, weiß man von Anfang an. Seine bilderreiche Geschichte wird immer wieder von kurzen Kapiteln aus der Gefangenschaft unterbrochen. „Diese Kapitel haben mich am meisten gefordert“, gesteht der Autor. Er habe dafür „bestimmte Türen in meinem Kopf“ öffnen müssen, die er lieber geschlossen gehalten hätte. Aber er wollte zeigen, was mit dem Körper in einer Gefängniszelle passiert und wie sich die Isolation auf die Seele auswirkt. „Dabei hatte ich das Gefühl, dass die Sprache manchmal unfähig ist, solche Dinge auszudrücken“, sagt er nachdenklich.

Auf die Frage, ob ihn die autobiografische Nähe, die seinen Romanen unterstellt wird, nerve, reagiert er mit einem befreienden Lachen. In jeder seiner Romanfiguren stecke etwas von ihm. „Wenn man schreibt, zerbricht man in viele Einzelteile. Und am Ende findet man sich über das Buch zerstreut wieder. Wirklichkeit und Fantasie gehen ineinander über, so dass ich selbst nicht einmal mehr sagen kann, wo die Realität aufhört und die Fiktion beginnt.“

Khiders Literatur ist eng an die deutsche Sprache geknüpft, auch das hat biografische Gründe. „Das ist eine sehr harte Geschichte“, holt er aus und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Dann erzählt er vom Verlust seiner Schwester und ihrer drei Kinder, die 2007 bei einem Bombenanschlag starben. „Ich wollte, nein, ich konnte danach lange Zeit kein Arabisch mehr hören oder sprechen. Ich bin damals im wahrsten Sinne des Wortes verstummt. Erst durch meine Eroberung der deutschen Sprache habe ich überhaupt wieder zur Sprache gefunden. Sie hat mir die nötige Distanz gegeben, um zu schreiben.“

Und offenbar auch die Fähigkeit, wieder zu lachen.

Palast der Miserablen von Abbas Khider, Hanser Verlag, 320 S., 23 €

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