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Abrechnungen

Nichts weckt bei den Jungen so starke Leidenschaften wie eine Revolution. Der Staatsführung ist das ein Übel. „In diesem Volk hatte sich dreißig Jahre lang eine Kraft aufgestaut, die wie unter einer Haube festgehalten wurde, aufgestaut wie Eiter in einem Furunkel, der jeden Tag platzen konnte. Wenn Blut und Eiter heraus sind, dann wird die Wunde unempfindlich und der Körper beruhigt sich“, sagt der Geheimdienstagent des persischen Schahs zum Colonel. „Deshalb muss man in den Furunkel hineinstechen. Siebenundvierzig Prozent der Bevölkerung waren Jugendliche. Also musste der liebe Gott in den Furunkel stechen und ihn zum Platzen bringen. Nur so konnte dieses geliebte Volk Erleichterung finden.“ Die irrlichternde Propaganda des Schah-Anhängers um 1980 passt genauso gut zur heutigen Situation im Iran, wo protestierende Studenten ermordet oder weggesperrt werden. In „Der Colonel“ erzählt Mahmoud Doulatabadi, einer der bedeutendsten iranischen Schriftsteller, unter dem Schahregime für zwei Jahre inhaftiert, von zerplatzen Träumen der Anhänger verschiedener politischer Systeme. Sie alle kämpften im letzten halben Jahrhundert für ihren Traum: Der Mossadegh-Anhänger, Sympathisanten der Volksfedajin und Gefolgsleute des Ajatollah Khomeini. Oft sitzen sie unter einem Dach, in einer Familie. In Doulatabadis bildstarker, assoziativer Sprache wird daraus ein Dokument der Paranoia, des missverständlichen Dialogs und der Niederschlagung aller Ideale. Die Zensurbehörde Irans verweigert die Veröffentlichung des vor 25 Jahren begonnenen und 2008 beendeten Romans bis heute. Doulatabadis Freund Bahman Nirumand übersetzte den Text für die weltweite Erstveröffentlichung ins Deutsche. Beide werden aus „Der Colonel“ vorlesen.

Mahmoud Doulatabadi, „Der Colonel“, Unionsverlag, 222 Seiten, 19,90 Euro.

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