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Adam Thirwell: „Der multiple Roman“

Adam Thirwell: Der multiple RomanAdam Thirlwell ist Oxford-Absolvent mit Prädikatsexamen, wohnt in London und wirkt auf Fotos, als wäre er gerade einem Punkkonzert im Marquee oder Roxy Club entsprungen. Das liegt an seinem Haar. Das erinnert nicht nur an aufregende Zeiten im Covent Garden, es erinnert auch an Christoph Schlingensief: rebellisch. Traut man Thirlwell deshalb nicht? Hat man Angst? Angst vor seiner jugendlich-wilden Intelligenz? Wie sonst lässt sich erklären, dass sein Werk, „Der multiple Roman“, sechs Jahre lang auf seine Übersetzung warten musste?
Und dieses Buch ist schöner Wahnsinn. Es strotzt vor Geist, subversiver Kraft und Spielfreude. Ja, Spielfreude trifft das, was Thirlwell hier durchkonjugiert und abfackelt, womöglich am ehesten. „Der multiple Roman“ ist kein Roman. Sondern eine strukturiert-unstrukturierte Abhandlung über die am spätesten entwickelte, aber erfolgreichste Gattungsform der Literatur. Und der Zusatz „multiple“ deutet auf das hin, was Thirlwell am Roman – er selber hat bislang zwei geschrieben: „Strategie“ (2004) und „Flüchtig“ (2010) – am meisten begeistert: die Vielfalt, Wandlungsfähigkeit und Reproduzierbarkeit der Form. Nichts – so die These der Thirlwell’schen Reflexionen – kann so mit sich selbst spielen, sich spiegeln, konterkarieren, in die Irre führen wie der Roman. Und wie kein anderes Kunstprodukt seine Gestalt verändern. Was klar wird, sobald ein Roman dem Prozess des Übersetztwerdens unterliegt. Das belegt der Engländer anekdotenreich anhand von Theorien diverser Sprachwissenschaftler: Ferdinand de Saussure, Roman Jakobson, Roland Barthes. Und anhand zahlreicher Meister des Romans: Gustave Flaubert, Witold Gombrowicz, Bohumil Hrabal. Vor allem Laurence Sterne ist zu nennen, der mit innovativen Erzähltechniken wie Digression (Abschweifung) und Retardation (Verlangsamung) seinen „Tristram Shandy“ auf die Spitze treibt und den Leser aufs Herrlichste an der Nase herumführt.
Thirlwell versteht sein properes Buch, das mit Fußnoten und Anhang beinahe akademische Ausmaße annimmt, als „Projekt“. Was besagen soll: Das Experiment mit der Sprache, als dessen höchste Form der Roman steht, geht weiter. Der Raum, den der Roman einnahm und einnehmen wird, ist grenzenlos.

Text: Andreas Burkhardt

tip-Bewertung: Herausragend

Adam Thirlwell: „Der Multiple Roman“, ?S. Fischer Verlag, 536 Seiten, 24,99 Euro

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