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Afrikanische Operette

Von Kolonialisten, die an ihrer neuen Umgebung, aber auch ihren eigenen Träumen scheitern, erzählt Thomas von Steinaecker in „Schutzgebiet“.
 
Das hat schon fast Julia Franksche Ausmaße, wenn Thomas von Steinaecker in seinem neuen Roman, der in der fiktiven deutsch-afrikanischen Kolonie Tola angesiedelt ist, seine Sprachmaschine auf den Modus „1913“ stellt: Da gibt’s „kecke“ Blicke, werden die Menschen „böse dableckt“ und wenn der Bayer mit dem Schiff von Afrika nach Bremerhaven kommt, liegt Fischgeruch in der Luft, ein Akkordeonspieler macht den „Bi-Ba-Butzemann“ und die Matrosen fluchen, klar, auf Plattdeutsch. Sprach man das da? Das alles liest sich ein wenig so, als hätte da jemand beim Schreiben ein Sprach- und Geschichtslexikon zur Hand gehabt.

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Davon abgesehen skizziert von Steinaecker, 32, eine reizvolle Geschichte, in der es um Menschen mit großen Zukunftsplänen geht, die in ihrer alten Welt gescheitert sind und denen nun dasselbe wieder droht. Zum Beispiel der junge Architekt Henry, der als Schiffbrüchiger in der afrikanischen Steppe landete und unter falscher Identität den Bau einer neuen Stadt beginnt; Verwalter Gerber, der mit dem Holzhandel Reichtum sucht; sowie dessen Schwester Käthe, die ihren erotischen Reiz auf alle ausübt, jedoch mit sektiererhaftem Eifer ihre Missionarsschulen plant und die sich mal als Herrin von Benesi, dann wieder als Untertan des „Zauberschlosses“ fühlt. Sklaven gibt es auch, nur versäumt es von Steinaecker, einem von ihnen eine markante Rolle zu geben.
 
Dass vor allem die Beziehung zwischen Henry und Käthe zur Schmierenkomödie wird mit ihren Balkon-Abschiedsszenen und verpatzten abendlichen Zimmerbesuchen – will Henry, will er nicht? – mag weniger an von Steinaeckers mangelnder Fantasie als an der Unfähigkeit seiner Figuren liegen. Etwas zu unglaubwürdig jedoch schlagen die Exilanten in dieser Ära der technischen Revolutionen über die Stränge, wenn sie die Weltherrschaft ersehnen  über den Zugriff auf einen all umspannenden „Raum der Kommunikation“, womit doch 1913 noch nicht allen Ernstes die Ahnung eines Internets gemeint sein kann. Vor allem, wenn dann noch die eine oder andere Figur erzählt, in Afrika gäbe es Dinosaurier.  
 
Die Kolonialherren haben also ihre nationalistischen Allmachtsfantasien, gelegentlich gelingen von Steinaecker auch schöne Parodien. Etwa, wenn die Siedler  darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, einen afrikanischen Nadelbaum mit der deutschen Tanne zu kreuzen, „ein gezielter Akt der Annektion“. Sei es da nicht wichtiger, Deutsch und nur Deutsch zu bleiben?
Sassan Niasseri
 

Thomas von Steinaecker, „Schutzgebiet“, Frankfurter Verlagsanstalt 2009, 384 Seiten, 19,90 Euro.

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