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„Airport. Eine Woche in Heathrow“ von Alain de Botton

Heathrow AirportWas geht einem nicht alles beim Begriff „Airport“ durch den Kopf! Aufbruch, Ausbruch, Freiheit, dann ein gleichnamiger geiler Ohrwurm von den „Motors“ aus dem Jahr 1978 und spätestens seit der Aschewolke eines bösen isländischen Vulkans auch das: Übernachtungen in Krümmlage auf dem Koffer im Flughafengebäude. Da hatte es Alain de Botton bequemer. Der schweizstämmige Popphilosoph wurde vom Eigner Heathrows eingeladen, eine Woche auf Londons größtem Flughafen zu wohnen. Nachts schlief de Botton im Fünfsternebett der Sofitel-Gruppe nahe der Start- und Landebahn, tagsüber inspizierte er als erster Heathrow-Writer-in-Residence Terminal 5, machte sich so seine Gedanken über die Flughafenwelt und hämmerte seine Reflexionen gemäß Auftrag seines Mäzens in Windeseile zum handlichen „Airport“-Buch mit Werbefunktion zusammen: „Mein neuer Arbeitgeber war zu Recht stolz auf seinen Terminal und darum bemüht, ein Loblied auf seine Schönheit singen zu lassen.“
Und so singt er dann, der Barde de Botton, und manchmal möchte man ihn mit seinem Singsang ans nächste Triebwerk binden und gute Reise wünschen. Weil, da ist wirklich viel Mist in dem Buch. Tagebuchartiges Allerlei über Sicherheitspersonal, Wechselschalter, „tosende Schubkräfte“, brilliant verfugte Betonwände, Erstauntes über die mondäne BA-Lounge, ein Salatblatt im Club-Sandwich, endloses Bemühen, den ganzen Stoff mit der Rinde der Tiefsinnigkeit zu ummanteln. Das wird zum Teil erreicht durch das Herbeizitieren geistiger Wegbegleiter. Da springt mal Adam Smith aus der sterilen Flughafendose und an anderen Stellen sind es Raymond Carver, Oscar Wilde oder Kenzaburo Oe.
Das Ganze ist so uneindringlich wie verzichtbar. Und man fragt sich, was soll das sein? Neue Industrieliteratur? Lächerlich! Dafür hätte sich der Autor, wie einst wir während des Studiums, den Blaumann anziehen und in den zwergenhohen Frachtraum eines Airbusses zwängen müssen, um Koffer zu stapeln beziehungsweise selbige rauszuwuchten. Dann hätte er was erlebt. Aber so? Was uns Sorgen macht: de Bottons Ankündigung, demnächst seinen Schreibtisch auch in Banken, Kernkraftwerken oder Alten-heimen aufzustellen. Die armen Alten, nicht mal die haben ihre Ruhe!

 

Text: Andreas Burkhardt

tip- Bewertung: Uninteressant

Alain de Botton „Airport. Eine Woche in Heathrow“, S. Fischer, ?122 Seiten, 17,80 Ђ

 

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