Bücher

„Alans Kindheit“ von Emmanuel Guibert

Alan Cope war ein Niemand. Natürlich hatte Alan Cope Eltern, einen Beruf, Liebschaften, er erlebte Glück und Tragödien und er wurde geboren, 1925, um genau zu sein, und er starb auch, mit 74, wenn Sie es genau wissen wollen. Doch nichts zeichnet den in einem Vorort von Los Angeles geborenen Mann aus. Cope ist keine Berühmtheit geworden und er kann sich mit keinerlei außergewöhnlichen Leistungen rühmen, sein Leben verlief in geradlinigen Bahnen, die für seine Generation typisch waren. Als Junge spielte er mit Nachbarskindern in Pfefferbäumen, sammelte Muscheln, besuchte die Großeltern, liebte Berge, und einmal jagte ihm eine brummende Hornisse einen höllischen Schreck ein. Das alles erfahren wir in Emmanuel Guiberts zart verwischter, mit leichtem Hang zum realistischen Schwarz-Weiß-Minimalismus gehaltener Biografie, in der der Franzose seinen 40 Jahre älteren amerikanischen Freund würdigt.
Den Lebensabend verbrachte Cope an der französischen Atlantikküste, wo er 1994 dem jungen Zeichner völlig zufällig begegnete. Guibert hat kurz zuvor mit „Brune“ sein Comicdebüt vorgelegt, eine intensive Auseinandersetzung mit dem Aufstieg des Faschismus in Deutschland. Sein zehn Jahre später veröffentlichtes dreibändiges Werk „Der Fotograf“, in dem er von den aufwühlenden Erlebnissen eines Fotografen erzählt, der ein Team von Ärzte ohne Grenzen während des sowjetisch-afghanischen Kriegs begleitet, brachte ihm internationale Anerkennung. Das Thema Cope ließ ihn jedoch nicht los. Aus der Begegnung wurde eine Freundschaft. In ihren Gesprächen schwelgte der mit einem bemerkenswerten Gedächtnis ausgestat­tete Ruheständler in Erinnerungen und Guibert schrieb fleißig mit. Als erste Folge dieser fruchtbaren Beziehung erschien 2010 „Alans Krieg: Die Erinnerung des GI Alan Cope“, Copes private Odyssee durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs, als es ihn nach Frankreich, Prag und Bad Wiessee verschlug.
Als Prequel dazu ist „Alans Kindheit“ zu verstehen. Diesmal lernen wir den Jungen kennen, der später zum Mann und Soldaten wurde. Es ist ein gewöhnliches Leben, wenn auch aus einer fernen Zeit, das so eindrücklich in den Kopf des Lesers dringt. Indirekt gemahnt das Buch, auch mal den eigenen Eltern und Großeltern zuzuhören, solange sie da sind. Wie es mit Alan Cope weitergeht, etwa nach dem Krieg, will man aber schon wissen, so viel Neugier darf sein. Dafür ist Monsieur Guibert zuständig.

Text: Jacek Slaski

Foto: Emmanuel Guibert/ Edition Moderne

tip-Bewertung: Empfehlenswert

Alans Kindheit von Emmanuel Guibert, ?Edition Moderne, ?160 Seiten, 25 Euro

Mehr über Cookies erfahren