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Albert Ostermaier: „Schwarze Sonne scheine“

Ostermaier_AlbertEs ist schon ein Kreuz mit den Katholiken. Besonders diejenigen, die im erzkonservativen Bayern als Messdiener und Internatsschüler aufgewachsen sind, kriegen im Erwachsenenalter oft Beklemmungen, wenn ein Hauch von Weihrauch alte Erinnerungen weckt. Bei Sebastian, dem Ich-Erzähler in Albert Ostermaiers Roman „Schwarze Sonne scheine“, ist das anders. Ein katholischer Geistlicher wird für den Fabrikantensohn, der Jura studieren soll, aber Dichter werden will, zum väterlichen Freund und Förderer. Silvester, so der Name des Priesters, nimmt die Gedichte des Klosterschülers ernst, diskutiert mit ihm über Ovids „Metamorphosen“ und zeigt ihm Beuys und Botticelli. Eines Tages wird Sebastian mit einer erschütternden Diagnose konfrontiert. Er habe nur noch ein halbes Jahr zu leben, wenn er sich nicht sofort einer Behandlung in den USA unterziehe, diagnostiziert eine Ärztin, die der Priester offenbar für unfehlbar hält. Andere Ärzte können keine Symptome feststellen. Der 24-Jährige gerät in eine existentielle Krise. Es sind die frühen 90er. Um ihn herum ist die Welt im Umbruch. Kohl wird gesamtdeutscher Kanzler, der zweite Golfkrieg bricht aus, in Deutschland brennen Asylheime. Was bleibt von Sebastian, wenn er jetzt aus dem Leben gerissen wird: ein paar Gedichte und ein Einakter?

Albert Ostermaier, der sich wie sein Protagonist zunächst als Lyriker und Dramatiker betätigte, entwirft in seinem zweiten Roman das Porträt eines jungen Menschen, der sich dem Schreiben verschrieben hat und in einer Literaturwelt lebt. Die Grenzerfahrung, die zum Konflikt mit Autoritäten und schließlich zur Selbstfindung führt, macht aus Sebastian einen erfolgreichen Schriftsteller. Die katholische Kirche erscheint in Ostermaiers Roman als antagonistische Vereinigung, die mit all ihren Verwerfungen tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist und den einzelnen skrupellos für ihre Zwecke benutzt. Für seine Kritik benötigt er nicht das skandalträchtige Beispiel des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, ihm genügt der einfache Vertrauensmissbrauch eines geistlichen Würdenträgers.

Text: Ralph Gerstenberg

tip-Bewertung: Lesenwert

Foto: Susanne Schleyer

Albert Ostermaier: „Schwarze Sonne scheine“ Suhrkamp, 288 Seiten, 22,90? Ђ

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