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Albrecht Selge: „Wach“

schaufensterHier ist einer, der kann und will nicht schlafen, etwas treibt ihn um. Dabei bräuchte er nur den Ratschlägen der Freunde zu folgen: „vor dem Zubettgehen Rooibos-Tee, warme Socken, onanieren.“ Onanieren, klare Ansage, gesundes Programm, doch August Kreutzer, Mitte dreißig, geht lieber spazieren, „durch zufällige Straßen, auf unerwarteten Wegen, über absichtslose Grundstücke“, auf Friedhöfen, bis an die Ränder der Stadt. Einen Sommer lang und schließlich auch noch den Herbst. Bis er, völlig von Sinnen vor Müdigkeit, angefahren wird.

Schwer zu sagen, was mit August falsch läuft. Vielleicht ist es der Job. August arbeitet in der künstlichen Welt einer Shopping-Mall. Vielleicht die Abwesenheit seiner Freundin Susanne. Vielleicht die Tristesse des Immergleichen, die gesteuerten Wahrnehmungen der Konsumwelt. Vielleicht das Angepasstsein.

Albrecht Selge verpasst seinem Roman einen treffenden Titel: „Wach“. Wobei das zu relativieren ist, streng genommen bewegt sich der Protagonist im Grenzraum des Halbwachen, in einem Zustand der kontrollierten beziehungsweise überwundenen Müdigkeit. Das hält normalerweise keiner ewig aus. August ist da offensichtlich aus anderem Holz geschnitzt.
„Ach, es ist alles schön“, lautet der letzte Satz, ein einlullendes Finale, als wäre nichts geschehen. Und allzu viel geschieht im Buch ja wirklich nicht. Laufen, beobachten, dahindämmern im faden Schein artifizieller Einkaufswelten. Ach ja, und dann ist da noch ein Doppelgänger, der unter Augusts Namen Obszönes wie „Rhabarberlappenfotze“ oder „Mösentangalecken“ im Internet verbreitet und dem schließlich ein Fahnder vom Bundeskriminalamt zu Leibe rückt.

Mit der eigentümlichen Geschichte des ruhelosen August K. war Selge, der 1975 in Heidelberg geboren wurde und mit Frau und zwei Kindern in Tiergarten lebt, für den diesjährigen Alfred-Döblin-Preis nominiert. Obwohl der Roman handwerklich gut gemacht ist und durch eine überwiegend kalte Bildersprache Atmosphäre erzeugt, konnte er aber nicht ganz überzeugen. Den Preis gewann am Ende ein anderer: Jan Peter Bremer.

Text: Andreas Burkhardt

tip-Bewertung: Zwiespältig

Albrecht Selge „Wach“ Rowohlt, 253 Seiten, 19,95 Ђ

Lesung Literarisches Colloquium Berlin, Di 16.8., 20 Uhr

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