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„Besserland“ von Alexandra Friedmann

Alexandra Friedmanns Debütroman

Sogar die Sache mit dem KGB geht am Ende gut aus. Ein paar Wochen vor der Emigra­tion trifft der Vater den für ihn zuständigen Agenten ein letztes Mal, doch statt den Ausreise­willigen zu drangsalieren, flüstert der KGBler ihm ins Ohr: „Wenn ich mitkommen könnte, würde ich es auf der Stelle tun!“ Der Schrecken des Sowjet­regimes, er löst sich in Heiterkeit auf. Kurz darauf darf die Familie die Sowjet­union verlassen.
Von dieser Auswanderung erzählt „Besser­land“, der Debütroman der 30-jährigen Alexandra Friedmann. Im Grunde ist es die Geschichte ihrer eigenen Familie, die die Autorin hier als leichte Komödie inszeniert. Eigentlich wollen die Friedmanns ins gelobte Land Amerika, doch am Ende verschlägt es sie, über einige Umwege, in den Ruhrpott. Dort müssen sie sich zwar mit den deutschen Behörden und einer böswilligen Nachbars­familie herum­ärgern, aber verglichen mit der Willkür der kommunistischen Bürokratie ist das geradezu ein Spaziergang.

Eine Bilderbuch-Großfamilie

„Dass die Einwanderung so glatt lief, verdanken wir vor allem einem Zusammenspiel glücklicher Umstände“, sagt Alexandra Friedmann. Dazu gehört etwa, dass ihre Familie unter die recht großzügige Regelung für Kontingentflüchtlinge fiel und nicht unter das wesentlich strengere Asylrecht.
Im Gespräch wirkt die Autorin ähnlich heiter und lebenslustig wie ihr Roman. Weder sich selbst noch ihrem Buch erlaubt sie scharfe oder gar böse Kommentare. Dabei gäbe es dafür doch Anlässe genug. Die Tücken der deutschen Einwanderungs­politik zum Beispiel, den tief sitzenden Anti­semitismus in der Sowjet­union. „Meine Eltern haben nie geklagt“, erwidert Friedmann. „Sie sind auf humorvolle Art mit allen Schwierigkeiten umgegangen.“ Offenbar erfolgreich, im Roman scheint das Familienglück jedenfalls nie ernsthaft bedroht.
Überhaupt, die Familie: Neben dem gutherzigen, spielfreudigen Vater und der ehrgeizigen Mutter gibt es da noch die Oma, die jede Widrigkeit des Schicksals mit lautem „Oj wej, oj wej“ beklagt. Außerdem jede Menge liebenswerter Tanten, Onkels, Cousinen, Cousins und Freunde der Eltern, alle reich beschenkt mit mensch­lichen Schwächen und Schrullen. Die Friedmanns scheinen eine jüdische Großfamilie wie aus dem Bilderbuch zu sein. „Ja, wir sind eine richtige Mischpoke“, sagt Friedmann und lacht. „In Wirklichkeit ist die Familie sogar noch viel größer als im Roman.“
Sie sieht „Besserland“ auch als Beitrag zu einer deutsch-jüdischen Literatur, für die der Holocaust keine entscheidende Rolle mehr spielt. Friedmann selbst ist zwar nicht gläubig, hat einen größeren Teil ihrer Teenagerzeit aber innerhalb der jüdischen Gemeinde in Krefeld verbracht – im Religions­unterricht, in Jugendgruppen, auf Sommerfreizeiten. Eigentlich eine recht typische deutsche Mittelschichtsjugend, nur eben unter jüdischen Vorzeichen.

Post­sowjetische Tristesse

Viele Beziehungen nach Weißrussland hat die Autorin übrigens nicht mehr, nach und nach ist fast die gesamte Familie ausgewandert. Nach Deutschland, Israel, in die USA.
So hat Friedmann ihre Geburts­stadt Gomel auch nur ein einziges Mal besucht. 2008 ist sie zusammen mit ihrem Vater hingefahren, und die Begegnung mit der postsow­jetischen Tristesse war ein ziemlicher Schock. „Es war schrecklich, alles total heruntergekommen und eklig“, erzählt sie.
Nach der Reise war sie ihren Eltern jedenfalls sehr dankbar, dass sie nach Deutschland gekommen sind. „Besserland“, der Roman­titel, ist bei aller Komik also doch sehr ernst gemeint.


Alexandra Friedmann PorträtGeboren wurde Ale­xan­dra Friedmann 1984 im weißrussischen Gomel. Ende der 80er-Jahre wanderten ihre Eltern aus und ließen sich in Krefeld nieder.
Sie studierte in Paris Literatur und Journalismus. Seit zwei Jahren wohnt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Prenzlauer Berg.

Besserland
von Alexandra Friedmann, Graf Verlag, 271 S., 18 Ђ

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