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Alice Munro: „Liebes Leben“

munroeNach Stockholm ist Alice Munro im Dezember nicht gereist, um als 13. Frau und erste Kanadierin überhaupt den Literaturnobelpreis in Empfang zu nehmen. Gesundheitliche Gründe hinderten die 82-jährige Schriftstellerin daran. Die Auszeichnung krönt eine lange Liste von Preisen, mit denen die Mutter von vier Töchtern und Inhaberin einer Buchhandlung auf Vancouver Island in ihrer mehr als 60 Jahre andauernden Karriere ausgezeichnet wurde.

Die meisten der in ihren 14 Büchern versammelten gut 150 Geschichten spielen im ländlichen Ontario, wo Munro 1931 als Tochter eines Pelzhändlers auf einer Silberfuchsfarm geboren wurde. Der nur wenige ­Monate nach der Originalausgabe „Dear Life“ erschienene Band „Liebes Leben“, der nach Auskunft der Autorin ihr letzter bleiben wird, versammelt 14 Geschichten.

Mit Vorliebe untersucht Munro darin die Bruchstellen im Leben ihrer Figuren – Momente, in denen sich Gewissheiten und Gewohnheiten auflösen. Typisch für ihre große Kunst in der scheinbar kleinen Form ist die Story „Abschied von Maverley“: ein Lichtspielhaus in der titelgebenden Kleinstadt, eine schwangere Kassiererin, ihre schüchterne Vertretung, ein Nachtwächter, das rätselhafte Verschwinden eines Mädchens im Schneesturm. Mehr braucht Munro nicht: Nach nur wenigen Seiten hat uns die Autorin in ein Drama gezogen, den Hintergrund skizziert, dann einen kräftigen Strich gesetzt, schon ist man im Bilde.

Die letzten vier, „Finale“ überschriebenen Stücke sind weitgehend auto­biografisch. „Ich glaube, sie sind die persönlichsten Dinge, die ich über mein Leben zu sagen habe“, schreibt Munro. So wie die Begebenheit des Kindes Alice in der Story „Nacht“, das glaubt, seine fünf Jahre jüngere Schwester Catherine erwürgen zu müssen. Ihr starker, einfühlsamer ­Vater sagt zu ihr: „Menschen haben Gedanken, die sie lieber nicht hätten. Das passiert im Leben.“

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Der Meisterin der Kurzgeschichte ist mit „Liebes Leben“ noch einmal gelungen, was sie in ihrer Videobotschaft an die Königliche Akademie ihren innigsten Wunsch nannte: „Ich möchte, dass meine Geschichten Menschen bewegen.“

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Herausragend

Alice Munro: „Liebes Leben“ aus dem Englischen von Heidi Zerning, S. Fischer, 367 Seiten, 21,99 Ђ

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