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Alissa Walser: „Immer ich“

walser_alissaVerlass ist in ihrem Leben nur noch auf die Kellog’s am Frühstückstisch. Als Kind wurde ihnen das „Ich“-Sagen so eingebleut, dass sie heute total beziehungsunfähig sind. Wie Nina, deren Onkel Uwe ihr beim Schuhebinden über den Mund fährt, als sie sagt, „man“ müsse dazu Kraft haben. „Immer ich sagen“, korrigiert er sie schnell. „Immer ich“ heißt auch das neue Buch der 1961 geborenen Alissa Walser.

Zunehmend vernetzen sich mit fortschreitender Lektüre die neun Texte. Ähnlich wie zum Beispiel in Ingo Schulzes „Simple Storys“ (1998) oder zuletzt in Daniel Kehlmanns „Ruhm“ (2009). Ein ausgeklügeltes Vexierspiel, in dessen Zentrum die beiden jungen Frauen Nina und Mona und deren wechselnde Männerbeziehungen stehen. Sie verkehren im Künstlermilieu in New York und in Frankfurt. Zählen Feuerschlucker, Dichter und Werber zu ihren Freunden. Doch ihre Bekanntschaften sind zeitlich begrenzt wie die Aufenthaltsgenehmigung für die USA. Sie halten nicht mal so lange wie es dauert, bis die komplexe Lasurtechnik getrocknet ist, mit der sie ihre Liebhaber auf Leinwand bannen. Von manchem wissen sie nicht mal recht den Namen, wenn sie nach dem Quickie auseinandergehen.

Es ist eine erschreckend reale Welt, die Alissa Walser in ihren Erzählungen zeichnet. Sie selbst studierte Malerei in New York und hat als Tochter von Martin Walser früh verstanden, was es heißt, „ich“ zu sagen. Als sie aus Amerika zurückkam, fing sie zu schreiben an. Weil sie das Gefühl mag, es gäbe beim Geschichtenschreiben unendlich viele Möglichkeiten. Auch die Figuren in ihren autobiografisch motivierten Texten schauen neidisch auf die Menschen in den Büchern. „Weil sie ein Zuhause haben in ihrer Geschichte“, wie es einmal prägnant heißt. Ein Zuhause, das sie selbst nie hatten.

Nach dem Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ (2010) über den im 18. Jahrhundert lebenden Magnetiseur Mesmer kehrt Walser mit ihrem neuen Buch in die Gegenwart zurück und trifft ganz den Zeitgeist ihrer Generation. Unzählige Beziehungen hat die Frau von heute hinter sich. Die erste Therapie sowieso. Und sucht jetzt in Selbsthilfegruppen und Yogakursen nach dem Sinn. Immer geht es um Emanzipation und um Existentialismus. Alles ist zwar möglich, aber nichts wirklich machbar. Die ganze Freiheit führt am Ende nur in die Vereinsamung.

Text: Welf Grombacher

tip-Bewertung: Lesenswert

Alissa Walser: „Immer ich“
Piper, 160 Seiten, 16,95 Ђ

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