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Amy Waldmans Post-9/11-Roman „Der amerikanische Architekt“

Und der Gewinner heißt: Mohammed Khan. Ein Raunen geht durch die Jury, die zwei Jahre nach 9/11 mehr als 5?000 anonym eingereichte Entwürfe für eine Gedenkstätte am Ground Zero gesichtet und sich für den „Garten“ entschieden hat. Khans Idee für das Gelände, auf dem einst die Zwillingstürme standen: vier Quadranten, geteilt durch mit Bäumen gesäumte Kanäle, in der Mitte ein Pavillon zum Verweilen, rundherum eine weiße Mauer mit den Namen der Opfer des Anschlags.

Dass ausgerechnet ein Muslim das Rennen macht, sorgt erst unter den Juroren (Banker, Kunstkritiker, Anwohner und Historiker) für eine heftige Debatte. Die nimmt an Schärfe zu, als eine Reporterin von der Sache Wind bekommt. Wie sich herausstellt, ist der bald gefürchtete Moslem der Prototyp des typischen Durchschnittsamerikaners: 37, gut aussehend, kurze Haare, geboren als Sohn indischer Einwohner in Virginia, Yale-Absolvent. Doch dies schützt ihn nicht vor Schikanen und Schmähungen.

Weitere mit Liebe gezeichnete Figuren in diesem dialogreichen Roman der US-Journalistin Amy Waldman sind: der Jury-Sprecher Paul Joseph Rubin, die schöne und reiche Claire Burwell, einzige Vertreterin der Opfer, und Alyssa Spier, Reporterin der „Daily News“. Daneben kommen Vertreter des Muslim American Coordinating Council, Talkmaster und Feuerwehrleute sowie die Bewegung Save America from Islam zu Wort. Letztere behaupten, Khans Garten sei „eine verklausulierte Nachricht an alle Dschihadis“, ein „trojanisches Pferd“.

So wendet die Autorin die Argumente für und gegen Khans Entwurf und lädt dazu ein, die verschiedenen Positionen für sich selbst zu bedenken. Obwohl dies ein hypothetischer Roman ist, liest er sich sehr lebensnah. Das liegt an den widerstreitenden Gefühlen, die in ihm zum Ausdruck kommen: Wut, Trauer, Angst und Hoffnung. Manches dürfte die 1969 geborene Autorin, die lange für die „New York Times“ arbeitete, zuletzt als stellvertretende Büroleiterin in Südasien, bei ihren Recherchen in den Monaten nach dem 11. September 2011 von unmittelbar Betroffenen gehört haben. Diese Realitätsbrocken schmälern aber in keinster Weise die mitreißende Wirkung dieses Debüts.    

Text: Reinhard Helling
tip-Bewertung: herausragend

Amy Waldman: „Der amerikanische Architekt“
aus dem Englischen von Brigitte Walitzek, Schöffling & Co.,
512 Seiten, 24,95 Ђ

 

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