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Andrй Kubiczek – „Kopf unter Wasser“

Erzählt wird die Geschichte von Henry, einem „dandyesken Misanthropen“ und passionslosen, aber seine Indolenz hinter polemischem Furor verbergenden Schmock, der vom gefeierten Kolumnisten und mittleren Bestsellerautor zum prekären Fall wird. Alles läuft zunächst gut, er trägt die richtigen Klamotten, die ihm gleich nach dem Studium eine auskömmliche Position im Lifestyle-Ressort eines Hochglanzmagazins sichern, er tummelt sich auf den richtigen Vernissagen, hat eine Freundin aus der Künstlerszene, aber es macht ihm keinen Spaß.

Es ist dieser schwer erträgliche Berliner-Mitte-Ennui, der hier zwar nicht mit der vor Jahren noch üblichen Larmoyanz vorgeführt, sondern entlarvt wird, aber das spielt keine große Rolle. Einem Protagonisten, dem eigentlich alles ziemlich einerlei ist, ist dem Leser auch bald einerlei.

Das Buch langweilt trotzdem nicht. Das liegt wohl vor allem an Kubiczeks distanzierter, leicht despektierlicher, präziser Prosa, die sich beschreibungssicher in den unterschiedlichen Milieus bewegt, das Gewese der urbanen Kulturschickeria genauso plastisch einfängt wie die Hausschlachtung auf einem Uckermärkischem Bauerhof. Vielleicht ärgert man sich auch einfach nur genug über den Helden.

In der zweiten Hälfte des Romans nimmt sich Kubiczek ihn dann mal richtig zur Brust. Jetzt wird Henry gefordert. Der ehemalige ostdeutsche Bauernsohn lernt eine andere Frau kennen. Birte stammt aus dem Großbürgertum, aus dem Westen und hat dann auch noch eine koreanische Mutter. Das birgt einigen Konfliktstoff. Die beiden bekommen ein Kind. Noch mehr Reibungshitze. Und ausgerechnet jetzt verliert Henry seinen Kolumnistenjob und verrennt sich in seinem neuen Buch – der autobiographische Zeitgeistessay mutiert zu einem Roman, der dann schließlich sogar ins Übersinnliche wegdriftet, weil der Realismus ihn irgendwann zu langweilen beginnt.

Genau das passiert dann auch diesem Roman. Ähnlich einem Moebiusband gehen hier zwei Fiktionsebenen ineinander über. Offenbar soll das Buch, das Andrй Kubiczek hier vorlegt, zugleich auch das Buch sein, das der Held Henry K. (!) geschrieben hat. Das ist alles durchaus tricky strukturiert, nimmt gerade zum Ende hin auch ordentlich Fahrt auf, und packt einen dann doch nicht so richtig. Eben weil dieser Henry ein emotionales Windei bleibt. Kubiczek mag ihn ja auch nicht. Warum sollten ausgerechnet wir es tun?

Andrй Kubiczek: Kopf unter Wasser. Liebesroman. Piper, München/Zürich 2009. 239 S. 18 Euro.

Text: Frank Schäfer

Foto: Gezett.de

Lesung: Literarisches Colloqium Berlin, Am Sandwerder 5, Zehlendorf, Di 19.5., 20 Uhr, Eintritt: 6 / 4 Euro, Moderation: Patricia Klobusiczky

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