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Andreas Lesti: „Oben ist besser als Unten“

obenVon oben betrachtet, also von ganz oben, taugt der Prenzlauer Berg nicht einmal zum Hügel. Andreas Lesti hat ihn dennoch bestiegen. Unzählige Male. Dorthin nämlich kehrt der Reisereporter zurück, wenn er – für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ etwa oder für „Geo Saison“ – mal wieder durch die Berge gestiegen ist.

Diesmal allerdings ist Andreas Lesti sozusagen hinter die Berge gestiegen. Er ging der Höhe auf den Grund. In einer Grand Tour durch die Alpen folgt er Goethe auf den Gotthard, trifft Sherlock Holmes im Berner Oberland, fährt mit Mark Twain Zahnradbahn und mit Thomas Mann auf den Zauberberg: „Wer einmal oben war, kann unten nicht mehr leben.“ Lesti verzahnt die Literatur mit der Landschaft und die Einsamkeit der Gipfel mit ihrer medialen Omnipräsenz. Erhellend wie erheiternd der Exkurs zu einer „Verstehen Sie Spaß?“-Folge aus den 1980er-Jahren: Kurt Felix lässt einen Kiosk unterhalb des Matterhorngipfels einfliegen und Reinhold Messner, der Bergbeherrscher und Bergbewahrer, wettert gegen den Ausverkauf der Alpen.

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Touristen, auch davon erzählt Lestis Buch, „sind immer die anderen“. Wer angesichts des Untertitels „Ein literarische Expedition durch die Alpen“ nun eher bibliografischen denn alpinistischen Eifer erwartet: Dieses Buch steigt weit höher hinauf, als es mit jeder Bibliotheksleiter möglich wäre. Und einmal, auf dem Jubiläumsgrad knapp unter dem Zugspitz­gipfel, wäre es mit dem Autor beinahe steil bergab gegangen. Solche Grenz­erfahrungen sind es, die „Oben ist besser als Unten“ einen Körper geben, gletschersonnengebräunt, mit Bergstiefeln und Steigeisen an den Füßen. Über den Moment jedenfalls, in dem Angst, die Todesangst, in die Bergsteigerglieder gestiegen ist, schreibt Lesti: „Ich wusste, dass dieser Gedanke erst die Gefahr auslösen würde, dass Unglücke erst passieren, nachdem man über sie nachgedacht hat.“ Mit den Alpen verhält es sich ja ähnlich. Auch sie wachsen mit den Gedanken, die man ihnen schenkt. Und vermutlich, wahrscheinlich sogar, haben unsere Gedanken die Alpen, dieses diskursive Gebirge, erst gemacht.

Text: Clemens Niedenthal

tip-Bewertung: Herausragend

Andreas Lesti: „Oben ist besser als Unten“ Rogner & Bernhard, 320 Seiten, 22,99 Ђ

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