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Angela Tillmann und Martina Schuegraf über die „Pornografisierung von Gesellschaft“

Angela_TillmannWas genau beschreibt der Begriff der „Pornografisierung“ – offensichtlich gibt es eine trennscharfe Abgrenzung zur Pornografie oder dem Pornografischen?
Schuegraf und Tillmann: Mit dem Begriff Pornografisierung beziehen wir uns nicht allein auf die Ausstellung von Nacktheit in den Medien oder in Pornos, es geht um einen veränderten Umgang  mit pornografischen Bezügen in Kultur und Gesellschaft und mit Sexualität in der Öffentlichkeit.

Seit wann lässt sich der Trend der Pornografisierung beobachten?
Schuegraf und Tillmann: Es lässt sich kein bestimmter Zeitpunkt festlegen, aber man kann sicher sagen, dass mit der zunehmenden Medialisierung des Alltags auch eine Pornografisierung einhergeht. Mit der Ausstellung von Sexualität und Körperlichkeit geht es zum einen darum, Aufmerksamkeit zu erlangen und zum anderen eröffnen die digitalen Medien einen vereinfachten Zugang zu pornografischen Materialien und neue Möglichkeiten der Produktion – sprich Selbstdarstellung und -vermarktung sowie Verbreitung.

Das betrifft die „Pornografisierung in den Medien“ – existiert diese analog im öffentlichen Raum?
Schuegraf und Tillmann: Medien sind Teil des öffentlichen Raums bzw. schaffen Öffentlichkeit, daher sind Pornografisierungsprozesse häufig medial gestützt. Wir beobachten aber auch Formen der Pornografisierung in nicht mediatisierten Räumen, z.B. wenn Jugendliche Stilelemente aus der Populärkultur aufgreifen und in ihren Alltag integrieren – Stichpunkt Mode. Und auch in der Kunst finden wir natürlich Anleihen und Bezüge zum Pornografischen.

Martina_SchuegrafFacebook-Gründer Mark Zuckerberg propagierte das Ende der Privatsphäre. Ist die Pornografisierung ein Teil dieses Prozesses?
Schuegraf und Tillmann: In vielen gesellschaftlichen Bereichen lassen sich Verschiebungen im Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit beobachten, es stellt sich daher die Frage, ob und wie sich Privatheit und Öffentlichkeit noch voneinander trennen lassen. Wir beobachten sogar einen Trend zur stärkeren Ausstellung von Intimität, der die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit immer mehr in Frage stellt.

Existieren auch positive Aspekte des Phänomens? Man könnte ganz naiv fragen, ob es nicht positiv zu werten sei, wenn man in Einklang mit seinem Körper steht und dies auch zeigt?
Schuegraf und Tillmann: Sicher ist es positiv zu werten, wenn man in Einklang mit seinem Körper steht und dies auch zeigt, wesentlich ist, welche Aussage daran geknüpft ist bzw. welche Bedeutung dies erlangt. Wenn darüber Stereotype und neuerliche Rollenfestschreibungen manifestiert werden, ist das eher fraglich. Positiv zu bewerten ist hingegen, dass ein gesellschaftlicher Diskurs angeregt wird, sich Menschen stärker über Pornografisches und damit auch mit vielfältigen Formen von Sexualität, Begehren und Lust auseinandersetzen und heteronormative Normen und Begrenzungen überschritten werden. Positive Beispiele finden wir insbesondere in der queeren Kultur und Kunst.

Inwieweit begünstigen Internet und Web 2.0 / Social Networks das Voranschreiten?
Schuegraf und Tillmann: Sie begünstigen den Prozess, da sie einen einfachen Zugang und Teilhabe ermöglichen, jeder kann sich präsentieren und wird damit für eine größere Öffentlichkeit sichtbar.

Fallen mit der Pornografisierung auch gesellschaftliche Tabus?
Schuegraf und Tillmann: Das ist ein ambivalenter Prozess, auf der einen Seite haben wir es mit Enttabuisierungen zu tun, Sexualität und Porno wird zur Sprache gebracht, auf der anderen Seite werden alte Rollenbilder und Stereotype reaktiviert – nur in einem neuen Gewand.

Interview: Ronald Klein

„Pornografisierung von Gesellschaft“ (UVK Verlagsgesellschaft) 39 EUR

 

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