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Anja Reich über ihr Buch „Der Fall Scholl“

Reich_Anja_c_H_Paulus-PonizakFrau Reich, wie sind Sie auf den Fall Scholl gestoßen?
Der Mord an Brigitte Scholl war Anfang des Jahres 2012 überall in den Nachrichten, auch in der Berliner Zeitung, wo ich arbeite, hat ein Autor darüber berichtet. Anschließend kamen viele aufgeregte Anrufe von Leuten aus Ludwigsfelde, die ich als verantwortliche Redakteurin besänftigen musste. Dabei habe ich immer mehr erfahren über diesen geheimnisvollen Mord und diese Stadt, die von den Nazis in den 30er Jahren rund um ein Rüstungswerk gebaut wurde und in der es heute die größte FKK-Therme Europas gibt. Das passte alles nicht richtig zusammen, war aber so spannend, dass ich mich eines Tages einfach in den Zug gesetzt habe und selbst nach Ludwigsfelde gefahren bin.

Was war das besondere Moment, das Sie fesselte, weiter zu recherchieren?
Schwer zu sagen. Vielleicht, als ich in der Küche des Mannes saß, der einmal Scholls Stellvertreter im Rathaus von Ludwigsfelde war. Er erzählte mir, wie er Heinrich Scholl kurz nach dem Mauerfall in einer kleinen Dorfkirche kennengelernt hatte. Sie waren beide aus Ludwigsfelde, hatten beide dort im Autowerk gearbeitet, und waren beide an jenem Tag in die Kirche gekommen, um vom Pfarrer Steffen Reiche, der kurz zuvor die Sozialdemokratie im Osten mitbegründet hatte, zu hören, wie sie das Land verändern können. Drei Männer in einer Dorfkirche, für die das Leben noch einmal neu losging und von denen nun einer ein Mörder sein sollte – das war ein Bild, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Es ist ja nicht nur eine Geschichte über einen Mord oder eine gescheiterte Ehe, sondern auch über die Zeit. Ein paar Monate später ging dann der Prozess los, in dem die halbe Stadt aussagte. Die beste Freundin, der Nachbar, der Tierarzt, die Friseurin, der Bäderbetreiber, die Parteifreundin. Sie traten dort auf wie in einem großen historischen Drama in einer deutschen Kleinstadt.

Das Buch handelt weniger von dem Versuch, nachzuzeichnen, wie Frau Scholl zu Tode kam, als dass eher das tragische Psychogramm einer jahrzehntelangen Beziehung darstellt, die von gegenseitigen Verletzungen geprägt schien.
Was genau passiert ist im Wald von Ludwigsfelde an jenem 29. Dezember 2011, werden wir vermutlich nie erfahren. Es gibt kein Geständnis, keine Tatzeugen, nur Versionen davon, was sich in den letzten Minuten im Leben von Brigitte Scholl abgespielt haben könnte. Aber es sieht so aus, als musste die Beziehung der beiden in einer Katastrophe enden. Nach all den Jahren, in denen die Ehe von gegenseitigen Verletzungen und Demütigungen gezeichnet war, waren Brigitte und Heinrich Scholl offensichtlich nicht in der Lage, sich voneinander zu trennen. Sie konnten sich nicht einfach scheiden lassen, sie konnten sich ja nicht einmal streiten. Sie haben immer nur alles runtergeschluckt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie im Krieg geboren wurden, immer nur funktionieren mussten und von ihren Eltern gelernt haben, die Dinge zu nehmen wie sie sind.

Zeigte sich Ihr Interviewpartner Ihrer Buchidee gegenüber von Anfang an offen?

Er war neugierig, was ich von ihm wollte und es schien ihm Spaß zu machen, über sein Leben zu reden, vom Gefängnisalltag abgelenkt zu werden, noch einmal im Mittelpunkt zu stehen. Ihn vom Buch zu überzeugen, hat eine Weile gedauert. Erst beim dritten oder vierten Besuch hat er gesagt, dass er einverstanden ist. Kurz zuvor hatte ich Steffen Reiche, den Pfarrer aus der Dorfkirche, interviewt. Er war später Sport- und Bildungsminister von Brandenburg geworden und mit Scholl auf den Kilimandscharo geklettert. Reiche hatte sich während unseres Interviews spontan hingesetzt, Heinrich Scholl ein paar Zeilen geschrieben und sie mir für ihn mitgegeben. Das hat Scholl bewegt. Seit er unter Mordverdacht stand, meldete sich kaum noch jemand von seinen ehemaligen Freunden aus der Bürgermeisterzeit. Klaus Wowereit, der in den Neunzigern mit Heinrich Scholl befreundet war, wollte nicht einmal mehr über ihn sprechen. Ein anderer, den ich für das Buch interviewt habe, hat erst schöne Grüße ausgerichtet und sie später per Mail wieder zurückgenommen.

Die Interviews fanden im Gefängnis statt. Benötigten Sie die Zustimmung der dortigen Leitung?
Zuerst hat Heinrich Scholl für mich einen Besucherschein beantragt. Er hatte damals allerdings nur vier Besuchsstunden pro Monat und musste kleine Besuchergruppen und Fahrgemeinschaften zusammenstellen. Manchmal waren also auch noch andere Leute dabei, ein Freund oder seine Cousine. Für die drei mehrstündigen Interviews, die ich dann mit Diktiergerät aufgenommen habe, brauchte ich die offizielle Zustimmung der Gefängnisleitung.

Wie kann man sich die Gesprächsatmosphäre während der Interviews vorstellen?
Die ersten Gespräche fanden im ganz normalen Besucherraum statt, in dem es mehrere kleine Tische mit jeweils vier Stühlen gibt und immer ein Wärter sitzt. Man darf nichts weiter mitnehmen, nur Getränke oder Snacks, die man im Vorraum gekauft hat. Heinrich Scholl saß meist ganz hinten in der Ecke. An den anderen Tischen saßen Hells Angels, riesige Kerle mit kahl geschorenen Schädeln und Tätowierungen. Anfangs schien Heinrich Scholl oft deprimiert, hat geweint und erzählt, wie schwer das Haftleben ist, aber wenn ich ihn nach seinem Leben befragt habe, hörte das auf, es schien ihn  abzulenken. Und wenn die Hells Angels ein Wort wie „Glatzkopfbande“ aufgeschnappt haben, haben sie gelacht und gerufen:„Eh haste das gehört, Scholli und die Glatzkopfbande.“ Bei den langen Interviews waren wir alleine in einem vielleicht sechs Quadratmeter großen, fensterlosen Raum und hatten Ruhe und Zeit.

Veränderte sich während der Treffen Ihr Blick auf das Geschehen?

Mein Blick auf das Geschehen hat sich durch die Gespräche mit ihm eigentlich nicht verändert. Zumindest konnte mich Heinrich Scholl nicht von seiner Unschuld überzeugen, auch wenn er immer wieder gesagt hat, dass er seine Frau nicht umgebracht hat. Wenn ich vor ihm saß, habe ich manchmal gedacht, vielleicht war es so, wie er sagt. Heinrich Scholl kann sehr überzeugend sein, er war ja lange Politiker. Aber sobald ich im Auto saß und nach Berlin zurückgefahren bin, ließ die Wirkung nach.

Das Buch lässt offen, wer für den Tod verantwortlich ist. Haben Sie für sich selbst eine eigene Theorie entwickelt?
Es gab Momente beim Schreiben, da war ich felsenfest davon überzeugt, dass er seine Frau umgebracht hat. Da habe ich ihn als eiskalten Mörder vor mir gesehen, der seine Frau loswerden wollte, sich mit ihr zum Spaziergang im Wald verabredete, einen Schnürsenkel mitnahm, sie damit erwürgte, sie anschließend mit Moos bedeckte, ihre Schuhe gut sichtbar hinstellte und später seinen Sohn und einen Freund zum Tatort führte, damit der Verdacht nicht auf ihn allein fällt. Es gibt allerdings auch Anzeichen dafür, dass Heinrich Scholl in jenen Tagen, als der Mord geschah, wie von Sinnen gewesen sein muss und die Tat eher im Affekt beging, womöglich nach einem Streit mit seiner Frau. Er hatte ja zu diesem Zeitpunkt alles verloren in seinem Leben, was ihn bisher von der Beziehung mit seiner Frau abgelenkt hatte: Seine Arbeit, seine Wohnung in Berlin, seine Geliebte. Da ist der Einbruch bei seiner thailändischen Freundin, ein anonymer Drohbrief an ihren neuen Freund, seine seltsame Aussage gegenüber der ersten Polizistin, die ihn befragte, das Moos, mit dem die Leiche bedeckt war, und dass Heinrich Scholl nach der Tat mitten am helllichten Tag im Auto seiner Frau durch die Stadt gefahren sein soll, in der er achtzehn Jahre lang Bürgermeister war und ihn jeder kennt, spricht auch nicht unbedingt für einen klug eingefädelten Mord. Dann ist da noch die Variante, dass es ein anderer war, ein Liebhaber. Es gibt einen Brief, der das behauptet, und als ich das erste Mal davon hörte, habe ich gedacht, so könnte es wirklich gewesen sein. Ich habe dann den Mann, der verdächtigt wurde, besucht und direkt gefragt. Ich kam mir in diesem Moment selber vor wie eine Polizistin. Er hat mir versichert, dass er es nicht war.

Interview: Ronald Klein

Foto: Paulus Ponizak

Anja Reich ließt am 30. April aus ihrem neuen Buch „Der Fall Scholl“ mit anschließendem Gespräch in der Karl-Marx-Buchhandlung; Eintritt 5,00 Euro, Anmeldung unter [email protected]

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