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Ann Cotten: „Der schaudernde Fächer“

CottenEin Cafй in Schöneberg, das Ufer am Landwehrkanal, die Wüste Nord­afrikas, ein Dorf in der Ukraine und der ganz ferne Osten: China und Japan. So weit, so gut. Die Orte, an denen Ann Cottens Erzählungen spielen, sind noch halbwegs klar umrissen. Die Figuren selbst lassen sich für den Leser deutlich schwieriger greifen: die ehemalige Lehrerin etwa, die sich jungen Zöglingen im Schnee hingibt. Oder die Erzählerin, für die schon das bevorstehende Date mit dem jungen Fritz so vorhersehbar ist, dass sie sich spontan mit zwei Frauen lüstern zerstreut. Sind es überhaupt Frauen? In der Geschichte „Birkenhäuschen“ geht es zumindest um Vasyl, der einmal ein Mädchen war, dann aber als Junge mit Kostja das schwule Leben genießt. Doch dann schreibt Kostja, dass er noch ein Mädchen liebe. Eben jenes Mädchen vielleicht, das Vasyl nicht mehr ist, so ergeben-selbstzerstörend er auch liebt?

Es gibt Geschichten, die es einem leicht machen: plotgetrieben, realistisch, einprägsam. Die von Ann Cotten gehören nun gar nicht zu dieser Sorte. Ihre wuchtig-assoziative Sprache, die keinen Kitsch zulässt, kann man nicht überlesen. Und nur über sie gelangt man zu den Figuren. Auch die nämlich spüren so oft Abscheu für das althergebracht Naheliegende, gefallen sich stundenweise aber auch in ihrer pseudo-intellektuellen Künstlichkeit: Im aberwitzig papierenen Dialog „Im Grünen Pfau“ erörtern Kerstin und Nanette, wie sie „durch die Kraft der Kunst eine deprimierende Liebesaffäre in eine vergnügliche verwandeln“ könnten. Das Vorhaben entlarvt sich dann aber rasch selbst – wie manche von Ann Cottens Vergleichen, die absichtlich humpeln, aber dadurch die Tragik ihrer Sprecher noch forcieren.

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Seit ihren „Fremdwortsonetten“ von 2007 kennt man Ann Cotten in Berlin als Sprachschatz-Akrobatin, deren Störeffekte auch mal wehtun und sich nicht zum wohlfeilen Lesevergnügen anbieten. „Literatur dient nicht zur Unterhaltung“, schreibt die 1982 in Iowa geborene Wahlberlinerin in ihrem „geduldigen Manifest“ zur Literatur. Wir denken uns das Augenzwinkern, wenn sie dann hinzufügt: „Sie darf dazu verwendet werden.“ Und sie kann es bei Ann Cotten auch, sehr erfrischend sogar, denn eine Sprache, die so bedachtsam zum Einsatz kommt, birgt auf den zweiten Blick unabgenutzte Freude.

Text: Stefan Hochgesand

tip-Bewertung: Herausragend

Ann Cotten: „Der schaudernde Fächer“ Suhrkamp, 251 Seiten, 21,95 Ђ

KOOKread mit Ann Cotten, Kvartira No. 62, Lübbener Straße 18, Kreuzberg, 12.11., 20 Uhr, www.kook-label.de

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