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Anthologie „Berlin bei Nacht“

Brandenbuger_Tor_bei_Nacht_c_HarrySchnitgerKreuzberger Nächte sind lang, das haben schon die Gebrüder Blattschuss gesungen. So mancher sagt ihnen sogar literarische Qualitäten nach. Den Nächten, versteht sich. Von Imran Ayata bis Jenni Zylka spüren 24 Autoren nun in dem Band „Berlin bei Nacht“ dem Mythos nach.
David Wagner lässt seinen Ich-Erzähler durch die Nacht flanieren. Eigentlich will er nur kurz die Abfalltüte runterbringen. Weil es aber nach Frühling riecht, zieht er umher. Eine präzise Bestandsaufnahme des Lebens in Prenzlauer Berg. Auch: eine Liebeserklärung. Bei dem 2011 verstorbenen Marc Fischer stehen vier spanische Touristen vor dem Berghain in der Schlange, wo angeblich der letzte „wahre Techno“ gespielt wird. Das Berghain hat es auch Annika Reich angetan, bei der eine „neokonservative Romantikerin“ aus Oberösterreich vom Klang des Namens magisch angezogen wird: Er klinge „nach Moos und nach Märchen“.

Manchem der Texte haftet zwar etwas allzu Jugendliches an. Auch fragt man sich, warum Autoren wie Ahne oder Jakob Hein fehlen. Aber Anthologien sind stets so gut wie ihre beste Geschichte. Und „Der Menschenfischer“ von Bernd Cailloux versöhnt für alles. Es geht um einen lebensklugen Taxifahrer. Mit Wilmersdorfer Witwen streitet er über den Weg. Touristen fragen ihn: „Waren die Nazis Deutsche?“ Und Architekten erkennt er daran, dass sie sich nicht nach Frauen umdrehen. Sondern nach Häusern.    

Text: Welf Grombacher
tip-Bewertung: Lesenswert

Foto: Harry Schnitger

Susanne Gretter (Hg.):
„Berlin bei Nacht. Neue Geschichten“ Suhrkamp, 265 Seiten, 7,99 Ђ
Buchpräsentation mit Susanne Gretter, Bernd Cailloux, Annika Reich, Jenni Zylka, Imran Ayata &
Doctorella-DJ-Team, Haus Ungarn, Karl-Liebknecht-Straße 9, Mitte,
Fr 24.5., 20 Uhr

 

 

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