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Lesenswert: Robert Seethalers „Jetzt wird\s ernst“

Seethaler_Jetzt wirds ernstZu Beginn der Geschichte steht ein namenloser Ich-Erzähler auf einer Theaterbühne. Als Apfelbaum verkleidet hat er einen Texthänger und verliert das Bewusstsein. Robert Seethaler schreckt offenbar vor nichts zurück: nach einem
Roadmovie („Die Biene und der Kurt“), einer dörflichen Liebesgeschichte („Die weiteren Aussichten“) nun eine Coming-Of-Age-Geschichte im Kleinstadtmief. Als ob es davon nicht schon genügend gäbe.
Für seine Variante mit dem Titel „Jetzt wirds ernst“ hat der 1966 geborene in Berlin und Wien lebende Autor offenbar auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen. Seethaler verfasst nicht nur Romane und Drehbücher, sondern ist auch Schauspieler. ?Er weiß also, wovon er spricht, wenn er behauptet, dass der Weg auf die Bühne meist „verschlungen“, „unvorhersehbar“ und „holprig“ ist.

Zu Beginn der Geschichte steht ein namenloser Ich-Erzähler genau dort: auf einer Theaterbühne. Als Apfelbaum verkleidet hat er einen Texthänger und verliert das Bewusstsein. Dann erfährt der Leser, wie es dazu kam. Geburt – ein embryonaler Erlebnisbericht – und Kindheit zwischen elterlichem Friseursalon, Kasperletheater und schulischen Siegen und Niederlagen sind schnell erzählt. Da gibt es eine Trixi, die
im Kleinkindalter mit ihm „bumsen“ mag, einen  Max, mit dem ihn erst eine blutige Nase und dann eine Blutsbrüderschaft verbindet, sowie einen katholischen Schulleiter, der zur Züchtigung seiner Zöglinge Ohrenschrauben anwendet.

Nach dem Tod der Mutter und einer Attacke auf die Büste des Namensgebers der Gesamtschule genießt der Zehnjährige bereits den Status eines anerkannten Sonderlings. In der Adoleszenz entflammt er für ein Mädchen, das Tschechow liest und in den Armen seines besten Freundes landet. Doch immerhin hat die erste unglückliche Liebe sein
Interesse fürs Theater geweckt. Er spielt in einer Schulinszenierung, liest sich durch die dramatische Weltliteratur und landet in einer Kellerbühne, wo er das Schauspielen erlernt.
Das alles klingt unspektakulär und vorhersehbar. Ist es auch. Aber wie Seethaler das erzählt! Leicht, lakonisch, mal die Geschichte im Zeitraffer forcierend, dann wieder jedes Detail ausmalend, entwirft er einen Mikrokosmos, in dem seine Protagonisten scheitern, hoffen, leiden und manchmal auch glücklich sind.
Es ist die Zärtlichkeit, mit der er seine Figuren beschreibt, der genaue Blick für ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten, der dieses Buch lesens- und liebenswert macht.     


Text: Ralph Gerstenberg
tip-Bewertung: Lesenswert

Robert Seethaler „Jetzt wirds ernst“, Kein & Aber, 304 Seiten, 19,90 Ђ

 

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