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Bachmannpreis in Klagenfurt vs. Berlin

Zum 40. Mal erregen die Tage der deutschsprachigen Literatur die Gemüter. Auch in Berlin. Aber warum eigentlich? Unser Autor Thomas Hummitzsch  erklärt in fünf Thesen zum Bachmann-Preis, wie viel Berlin in Klagenfurt steckt

1. Klagenfurts Line-up ist so globalisiert wie Berlin.

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hat schon lange nichts mehr mit „deutschstämmig“ zu tun – weshalb sich am Wörthersee Jahr für Jahr längst eine bunte (Literatur-)Gesellschaft einfindet, wie man sie auch in Neukölln, Kreuzberg oder Mitte antrifft. Unter den 14 Kandidaten des diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs sind Autoren mit serbischen, israelischen, türkischen, britischen und französischen Wurzeln. Keineswegs ein neuer Trend. Dies macht auch ein Blick auf die Preisträger der vergangenen Jahre deutlich.
Die letztjährige 3sat-Preisträgerin Dana Grigorcea kommt aus Rumänien, ihr Vorgänger Senthuran Varatharajah hat seine Wurzeln in Sri Lanka. Katja Petrowskaja, Bachmannpreisträgerin 2013 und wie Varatharajah in Berlin lebend, ist in der Ukraine aufgewachsen, die Lyrikerin Olga Martynowa, die 2012 gewann, kommt aus Russland. Und ihre Vorgängerin Maja Haderlap hat ihre Wurzeln in der Volksgruppe der Kärtner Slowenen. Und so geht das weiter, wenn wir die Preisträger früherer Jahrgänge, wie Saša Stanišić, Feridoun Zaimoglu, Terézia Mora oder Doron Rabinovici, betrachten.

2. In diesem Jahr gewinnt  eine der beiden Berliner Autorinnen.

Jedenfalls der Statistik nach. 15 der 39 bisherigen Bachmannpreisträger kommen aus der Hauptstadt. Im Schnitt geht der renommierte Hauptpreis also alle zwei bis drei Jahre nach Berlin. Entsprechend können sich die beiden Berliner Wettbewerbsteilnehmerinnen, die in London geborene Sharon Dodua Otoo und die gebürtige Hessin Julia Wolf, Hoffnung machen. Denn im vergangenen Jahr triumphierte (ja, das muss man so sagen) die Bamberger Lyrikerin Nora Gomringer, im Jahr zuvor der Wiener Zeichner und Autor Tex Rubinowitz. Berlin wäre also wieder dran.
Und auch bei den Nebenpreisen ging bislang jeder dritte in die deutsche Hauptstadt.

3. Ohne Inszenierung ist in Klagenfurt alles nichts.

Berlin ist die Hauptstadt der Poser, die Inszenierung ist Teil der Selbstbehauptungs- und Überlebensstrategie im Großstadtdschungel. In Klagenfurt ist die Performance Teil der Show, weshalb die Uni Hildesheim – an der so manche literarische Nachwuchshoffnung ihren Abschluss macht – schon mal einen Kurs zur „Schriftstellerinszenierung beim Ingeborg-Bachmann-Preis“ anbietet. Denn es gilt, Publikum und Jury im Vortrag zu überzeugen. Entsprechend einfallsreich sind die Autoren. Nora Gomringer beeindruckte im vergangenen Jahr mit einer bühnenreifen Lesung, die selbst das gediegene Publikum im Saal toben ließ. Unangefochten natürlich Rainald Goetz’ Auftritt anno 1983, als er sich auf der Bühne die Stirn mit einer Rasierklinge aufritzte.

4. Das Entdecken neuer Autoren wird zunehmend vom Schaulaufen etablierter Literaten abgelöst.

Erhielt bei früheren Wettbewerben noch der unentdeckte Nachwuchs eine Chance, treten inzwischen vornehmlich Autoren auf, die sich im Literaturbetrieb längst einen Namen gemacht haben. Das ist so ähnlich wie bei den Berliner Lesebühnen, zu denen man heute geht, weil man weiß, was einen erwartet, jedoch nicht, um sich überraschen zu lassen. Bei den Lesebühnen gibt es allerdings keine Juroren, die hinterher die zum Zuhören verdammten Literaten mitunter in Grund und Boden kritisieren. Wer neue Stimmen entdecken will, muss in Klagenfurt zum sogenannten „Häschenkurs“ vor den Bachmanntagen gehen. Und in Berlin zum Open Mike.

5. Über Klagenfurt lästern alle. Außer, sie dürfen dort lesen.

Mit Klagenfurt verhält es sich wie mit Berlin – ständig wird genörgelt, dennoch wollen (fast) alle hin. Die Hamburgerin Karen Köhler musste 2013 betrübt absagen, Windpocken verhinderten ihre Teilnahme. Einzig vom Österreicher Thomas Glavinic ist überliefert, mehrere Einladungen zum „Bewerb“ ausgeschlagen zu haben. Eine absolute Ausnahme. Die Teilnahme am Wettstreit kommt immer noch einem Ritterschlag gleich, die Auszeichnung gilt als Krönung. So bewahrt der Sehnsuchtsort Klagenfurt seinen Reiz, allen Abgesängen zum Trotz. Jahr für Jahr für Jahr.

Ingeborg-Bachmann-Preis
bis 3.7., im Fernsehen: 1.+2.7. ab 10 Uhr,
3.7. ab 11 Uhr live auf 3Sat

 

Zum Wiederentdecken: ­Berliner in Kärtnen

Katja Petrowskaja: Ingeborg-Bachmann-Preis 2013, „Vielleicht Esther“ (2014)

Petrowskaja spannt über die Abgründe der europäischen Geschichte wortgewaltige und moralphilosophische Brücken, um virtuos von den Einschlägen des Holocaust in ihrer Familiengeschichte zu erzählen.

Leif Randt: Ernst-Willner-Preis 2011, „Schimmernder Dunst über Coby County“ (2011)
Diese nihilistische Satire auf die Wohlstandsgesellschaft spielt in einem Paradies der Sorglosigkeit, wo sich die Kreativen dieser Welt im Selbstgefallen sonnen.

Peter Wawerzinek: Ingeborg-Bachmann-Preis & Publikumspreis 2010, „Rabenliebe“(2010)
Von der Rabenmutter aus dem schützenden Nest gestoßen erzählt Peter Wawerzinek ergreifend von seinem Dasein als ewiges „Kind im viel zu großen Weltraum“.

Kathrin Passig: Ingeborg-Bachmann-Preis & Publikumspreis 2006, „Sie befinden sich hier“ (2014, E-Book))
Passigs literarisches Debüt ist der in den Irrsinn gleitende innere Monolog einer im Schnee
erfrierenden Person. Ihr Sieg war ein Coup, denn der Text war entlang zuvor erhobener Daten geschrieben, die sie als ausschlaggebend für einen Erfolg in Klagenfurt ausgemacht hatte.

Wolfgang Herrndorf: Publikumspreis 2004
„Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ (2007)
Sechs romanhaft verbundene Kurzgeschichten, in denen einige abgehalfterte Existenzen aus der Berliner Kunstboheme ihren Platz in einer grenzenlosen Welt suchen. Großartig!

Terézia Mora: Ingeborg-Bachmann-Preis 1999, „Seltsame Materie“ (1999)
Das glänzende literarische Debüt der späteren Buchpreisgewinnerin versammelt Erzählungen, in denen sie sich kunstvoll vom Ungarn ihrer Kindheit verabschiedet.

Rainald Goetz: Medialer Sieger von Klagenfurt 1983, „Irre“ (1983)
Wenige Monate vor dem Erscheinen seines bis zur Rezensionsunfähigkeit bewunderten Debütromans schlitzte sich der „Archivar der Gegenwart“ Goetz während seiner Lesung die Stirn auf und sorgte für den legendärsten Moment des „Bewerbs“. Wird deswegen immer wieder in solchen Rückblicken genannt. Völlig zu recht.

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