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Benjamin Lebert: „Im Winter dein Herz“

im_winterDeutschland liegt im Winterschlaf. Die Menschen haben ihre Körpertemperatur wie die Siebenschläfer runtergefahren und kuscheln sich ein, um der Kälte zu trotzen. Während sie vom Trubel des Lebens pausieren, herrschen im ganzen Land Stille und Dunkelheit. Diese Utopie hat „Crazy“-Autor Benjamin Lebert als Hintergrund für seinen fünften Roman entwickelt, eine Roadnovel der besonderen Art, und mit Arthur McFinnley hat er sogar einen Winterschlaf-Forscher erfunden, der gute Gründe für die staatlich erzwungene Pause liefert. Im Mittelpunkt steht Robert Kiefhaber, ein junger Mann mit lebertschen Zügen, der wegen Essstörungen in die psychosomatische Klinik „Waldesruh“ bei Göttingen kommt, wo er erfährt, dass „der Winterschlaf vom 2. Januar bis zum 5. März zum therapeutischen Programm gehört und nicht freiwillig ausgesetzt werden kann“. Aber genau das tut der Journalist – gemeinsam mit Karl Kudowski, einem Mitpatienten, der angeblich als Polizist ein Gewalt-Trauma erlitten hat. Im Shop einer nahen Autobahnraststätte gabeln Feingeist Robert und Macho Karl, beide mit „einem gehörigen Sprung in der Schüssel“, Annina auf, eine Verkäuferin mit „heißem türkischen Blut“. In ihrem auf den Namen „Ritchie Blackmore“ getauften Suzuki begibt sich das skurrile Trio auf eine Reise gen Süden, auf der die drei Geschichten aus ihrer Kindheit austauschen und kleine Geheimnisse lüften.

Mit „Im Winter dein Herz“ bestätigt Lebert, der gerade 30 wurde, seinen Ruf als ein Befindlichkeitsautor, der in einem Roman Poetisches neben Krassem unterbringen und es fast wie aus einem Guss wirken lassen kann. Wie kein zweiter Autor seiner Generation hat er dabei die Natur im Blick und findet für seine Beobachtungen poetische Bilder. Hier und da hätte man sich gewünscht, ein Lektor hätte Leberts außerordentliches Sprachvermögen noch ein wenig poliert und den Autor vor Verwechselungen wie „vollkommen“ mit „völlig“ und „scheinbar“ mit „anscheinend“ bewahrt. Zumal der Wahl-Hamburger für Kritik empfänglich sei, wie er neulich beim Lübecker Literaturtreffen einräumte: „Für mich gilt es nach wie vor viel zu lernen.“

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Lesenswert

Benjamin Lebert: „Im Winter dein Herz“ Hoffmann und Campe, 160 Seiten, 18,99?Ђ

 

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