Bücher

Berlin-Bücher Teil 2

Franck_tipJulia Franck: Die Mittagsfrau
Die Welt steht uns offen, hei?t es in Julia Francks Roman, und das mag ein Trost sein, denn sie steht auch jenen Kindern offen, deren Leben mit dem Unfassbaren beginnt: Eine Frau lässt ihren Jungen kurz nach Kriegsende auf einem Bahnhof in Stettin allein auf einer Bank – und kehrt nicht mehr zurück. Es war Francks eigene Großmutter, in der Nazizeit als „Halbjüdin“ verfolgt, die Francks Vater auf einem Bahnhof
ausgesetzt hat. Mit der fiktiven Figur der Helene nähert sie sich dem Ereignis: Wir lernen diese Frau in ihrer Zeit und deren Sprache kennen, ihre Kindheit in der Lausitz, ihre späteren Jahre im Berlin Marlene Dietrichs, wo sie die Welt des Glamours und Rauschs erlebt, aber auch die düstere Zukunft erahnt.
(Fischer, 2007)

Ulrich Peltzer: Teil der Lösung
Parabel über Ausspähung, Überwachung und Paranoia. Ein Gelegenheitsjournalist, der sich in seiner Kreuzberger Akademikerszene vor allem mit Gesprächen über quot;Geschlechtsumwandlung und Satanismus als Strategien der Subversion“ über Wasser hält, recher­chiert über ehemalige Rotbriga­dis­ten. Die sind in Mitterands Frankreich in eine bürgerliche Exis­tenz abgetaucht und sollen nun in Berlusconis Italien abgeschoben werden. Allein schon die bedrohliche Romaneröffnung, in der aus anfangs harmlosen Clowns Politaktivisten werden, die im Sony-Center Zeichen gegen den Überwachungsstaat setzen wollen, ist die Lektüre wert.
(Amman, 2007)

Tilman Ramstedt: Erledigungen vor der Feier
Tilman Rammstedts Debüt beschreibt das Berlin der Zugezogenen, die ihr Studium beenden oder nicht, viel Zeit und wenig Sorgen haben. Da ist zum Beispiel L., die sich die Wirklichkeit zurechtbiegt, damit das Leben nicht so langweilig ist, deren Unberechenbarkeit fasziniert, deren Launen zermürben. Die Ereignisse, von denen in den kurzen Texten erzählt wird, sind meist unspektakulär: ein Zettel an der Tür, ein
Ausflug nach Köpenick, eine spontane Autofahrt zu einer Hochzeit nach München. Das reicht Tilman Rammstedt, um seine assoziationsreiche und erstaunlich humorvolle Prosa zu entfachen.
(Rowohlt, 2003)

Mawil: Action Sorgenkind
Deutschland verlegt progressive Comics, und das hat vor allem mit dem Berliner Verlag Reprodukt zu tun. Dort erscheinen, neben etwa Werken von tip-Cartoonist OL, den altersreflexiven Bildern Lewis Trondheims oder Guy Delisles Tagebuch quot;Pjöngjang“, auch die Comics von Mawil. Seine ersten Erfolge hatte der 32-Jährige, der wie so viele hochkarätige Zeichner an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee gelernt hat, mit Funnies um seine Serienhelden Supa Hasi. Vor allem seine Alltagsabenteuer aus der Hauptstadt („Action Sorgenkind“), in denen
sympathische Loser Rückschläge mit milder Melancholie verarbeiten, sind lesens­wert.
(Reprodukt, 2003-2008)

Torsten Schulz: Revolution und Filzläuse
Schulz blickt hinter die schicken Fassaden Prenzlauer Bergs, sucht nach Lebensspuren und Schicksalen, lässt Wilmersdorfer BWLer auf Marxismus-Leninisten aufeinanderprallen und schickt seine Figuren mit DDR-Vergangenheit, wenn sie nicht gerade vom Leben am Boxhagener Platz erzählen, nach Kuba oder in den fremden Westen. Illusionen gehen
verloren, Hoffnungen bleiben bestehen. Dabei beweist Schulz stets subtilen Humor, „Früher war es besser“-Klagen sind von ihm nicht zu erwarten. (Ullstein, 2008)

Reinhard Kleist, Tobias O. Meissner: Berlinoir-Trilogie
Vampire haben in naher, fantastisch erweiterter Zukunft in Berlin einen diktatorischen, aber durchaus gut funktionierenden Wohlfahrtsstaat errichtet … Der Comic besticht zum einen durch die wohldurchdachte, anspielungsreiche, virtuos ins Bild gesetzte Staffage. Zum anderen haben sich die beiden ernsthaft bemüht, eine zukünftige Vampir-Gesellschaft zu imaginieren, mit der dazugehörigen politischen Propaganda, einer originären Kultur und Religion und sogar einer eigenen Kunstsprache, die das Sujet trägt.
(Edition 52, 2003)

Christopher Isherwood: Leb wohl, Berlin
Ende der 1920er Jahre strömen Menschen aus aller Welt nach Berlin. Die Sängerin Sally Bowles träumt von der großen Karriere, der Brite Isherwood schlägt sich als Sprachlehrer durch. Als er 1933 Berlin wieder verlässt, herrscht auf den Straßen bereits offener Terror: Ein Reigen der Lust entfaltet sich vor dem Hintergrund der Hungernden in den Straßen und der sich anbahnenden Ka-tastrophe. Isherwood hat die
Metropole fotografisch exakt porträtiert. Die Boulevards und Cafehäuser, Klubs und Katakomben mit ihren Künstlern und Fantasten. Sein Episodenroman erschien 1939 und verbindet persönliche Erinnerung, politische Reportage und Fiktion. 1954 verarbeitete John van Druten den Stoff in seinem Drama „I am a Camera“. Daraus entstand das 1966 das Musical „Cabaret“, 1972 die Verfilmung mit Liza Minnelli.
(1939, Neudruck bei Ullstein, 2004).

Rainald_Goetz_tipRainald Goetz: Abfall für alle
Am 4. Februar 1998 fing Rainald Goetz an, Tagebuch zu führen. Seine Notizen stellte er in ein damals relativ neues Medium namens Internet, lange bevor irgendjemand von Blogs sprach. Was Goetz da machte, war Literatur in Realzeit, die Verwandlung des Augenblicks in Text, der im gleichen Moment veröffentlicht wird – ein Spiel mit den damals noch
unausgeloteten Möglichkeiten des Netzes und der alte Traum der Pop-Literatur, nicht für den Gedächtnisspeicher des Buches zu schreiben, sondern so pure Gegenwart zu sein wie Musik. Goetzн Protokolle halten Gedankensplitter des Augenblicks fest, es geht um die
asozialen Nachbarn im Wedding oder um das Fernsehprogramm („Dieter Bohlen. Wahnsinn“). Am 10. Januar 1999 beendet Goetz sein Online-Tagebuch, kurz darauf erscheint es, ganz altmodisch, als 864 Seiten dicker „Roman eines Jahres“, der Titel „Abfall für alle“ ist übrigens ein berühmtes Zitat des von Goetz kultisch verehrten Andy Warhol.
(Suhrkamp, 1999)

Klaus Schlesinger: Neun, Kurzgeschichte
Ein Junge hat Geburtstag. Er wartet auf seinen Vater, denn er will endlich fliegen gehen. Der Vater hat es versprochen, vor der Trennung der Eltern. Der Junge hat den Vater lange nicht sehen dürfen. Allein fährt er mit der S-Bahn nach Schönefeld. Dort muss Papa sein. Papa bleibt unauffindbar, aber der Junge wird fliegen. Von dem Dach eines Hauses in den Tod. Trennung ist schlimmer als gestorben, der herzzerschneidende Kern der Erzählung „Neun“. Geschrieben hat sie der DDR-Dissident Klaus Schlesinger, der 2001 an Leukämie starb, bereits 1974. Verfilmt wurde die Geschichte von der DEFA 1975 unter dem Titel „Ikarus“.
(Berlin, 1974)

Iris Hanika: Das Loch im Brot
Das soll eine Chronik sein, aber um die Chronologie schert sich Hanika dennoch nicht. Das geht kreuz und quer durch die Jahre (1991 bis 2001) und versammelt ethnologische Kleinststudien. Was ihr alles auffällt, ist schon toll. Was sie in die Dinge hineinliest, ist manchmal noch besser. Grandios etwa die nur aus fingierten O-Tönen collagierte „Aldi“-Suada, die nicht nur alle denkbaren Facetten dieses Phänomens auffächert, sondern fast noch mehr preisgibt über die Sprecher selber
und ihre Motivationen. (Suhrkamp, 2003)

Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz
Der Großvater aller Berlin-Romane und die Erfindung eines Genres, nämlich des modernen Großstadtromans. Döblin montiert Zeitungsschlagzeilen, Schlager, Statistiken, Werbesprüche und amtliche Bekanntmachungen in seinen Text, alles existiert in diesem
Berlin-Panoptikum gleichzeitig und gleichberechtigt nebeneinander, die Geschichte des arbeitslosen Ex-Häftlings Franz Biberkopf wird zum Porträt des überspannten, verrohten, vitalen Berlins der Zwanzigerjahre.
(1929, Neudruck bei dtv, 2002)

Christiane Rösinger: Das schöne Leben
Mit Anfang 20 kam Christiane Rösinger aus einem badischen Spargeldorf nach Kreuzberg, etablierte Mitte der Achtziger das Ausgehen als den eigentlich natürlichen Zustand, arbeitete mit Bands und in Kneipen. Bis heute steht Rösinger für all die Künstler der Stadt, die „weiter rechnen, krebsen, wursteln, durchschlagen“. Weil Müßiggang aber auch sein muss, Müßiggang aber ein Imageproblem hat, wählt Rösinger die Flucht nach vorn – und erklärt den Spaß am Um-die-Häuser-Ziehen, die Gewissheit, dass jeden Abend etwas Außergewöhnliches passieren kann, zur Weltanschauung. Gut, dass das Leben zwischen Glotze und Aldi dennoch zum Zweifel führt: Ist dieses Leben noch Boheme oder schon Unterschicht?
(Fischer, 2008)

Jakob Arjouni: Magic Hoffmann
Fred Hoffmann träumt von Kanada. Und er will seinen Anteil. Vier Jahre lang hat er nach einem missglückten Banküberfall im Jugendgefängnis gesessen, die Namen seiner Komplizen hat er tapfer für sich behalten; nun kommt er aus dem südhessischen Dieburg in ein feindseliges Nachwende-Berlin, um sich zu holen, was ihm zusteht. Die DDR ist
verschwunden, und seine Freunde sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Anette verkehrt mit schlaffen Bohemiens und hat das Geld in Experimentalfilme gesteckt, Nickel trägt Leinenanzüge und hat sich ein Häuschen in Hönow gekauft.
Jakob Arjouni wurde als Erfinder des deutsch-türkischen Privatdetektivs Kemal Kayankaya bekannt. Der Held seines Berlin-Romans hat einiges mit Herrn Lehmann gemeinsam: Er ist mit einer gewissen Schlichtheit gesegnet, und er bewegt sich unvoreingenommen durch eine Welt, die er nur halb versteht. Doch anders als Frank Lehmann bleibt Fred Hoffmann
in dieser Welt ein Fremder.
(Diogenes, 1996)

zurück zu Bücher über die Großstadt Berlin, Teil 1

Mehr über Cookies erfahren