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Berlin-Bücher von Inger-Maria Mahlke und Johanna Adorjбn

Johanna_Adorjan_c_AlfredSteffenWie ist es denn nun, dieses neue Berlin? Was soll das überhaupt sein, wo will es hin? Und wer geht mit? Das sind so Fragen.
Mitte, Neukölln. Vielleicht sind das nur zwei Synonyme für das, was manche gern „das neue Berlin“ nennen. Seine beiden Pole. Mitte, wo die halbberühmten, dritteleinflussreichen, viertelwichtigen Leute in diesen und jenen Restaurants sichtbar einkehren. Und Neukölln, das nicht nur Buschkowskys Parallelgesellschafts-Neukölln ist, sondern auch das Neukölln, wo Döner-Imbisse zu Szenebars werden und Spelunken zu Latte-Cafйs. Wenn man so will, bilden zwei neue Bücher diese Pole des neuen Berlins überaus stimmig ab. Gut erfundene Geschichten, die auf jahrelangen Erfahrungen ihrer jeweiligen Autorinnen gründen. Auf teilnehmenden Beobachtungen.

Die „FAS“-Feuilletonjournalistin Johanna Adorjбn holt in ihrer Geschichtensammlung „Meine 500 besten Freunde“ das hinreichend prototypische Mitte-Personal in den Restaurants, auf den Preisverleihungen, in den Vernissagen ab und blickt ihnen dabei ins Herz und ins Hirn. Was sie dort oft vorfindet, ist nicht nur Glamour.
Die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke quartiert dagegen in ihrem Roman „Rechnung offen“ einige vom Leben versehrte Seelen in einem Mietshaus ein, die dort zumeist trennscharf aneinander vorbei- und einer trüben Zukunft entgegenleben. Das dieses Haus in Neukölln steht, ergibt sich mehr, als es wirklich ausgeschrieben wird.
Was beide Bücher gemein haben: den präzisen, manchmal schonungslosen, aber nie bösartigen Detailblick auf ihre Protagonisten. Nur die Fallhöhen sind anders. Im gefühlten Mitte fällt man gemeinhin weicher als in Neukölln. Aber weh tut es trotzdem.

Bei Johanna Adorjбn, Jahrgang 1971, deren erstes Buch „Eine exklusive Liebe“, die Lebensgeschichte ihrer Großeltern, in 16 Sprachen übersetzt wurde, ist es zum Beispiel ein Jungregisseur, dessen Plan, einen längst vergessenen Schauspielstar nach 30 Jahren wieder vor die Kamera zu holen, grotesk scheitert. Oder eine Zeitungspraktikantin, die mit zwei ihrer Chefs schläft, das aber völlig umsonst. Oder die Schauspielerin, die im Adlon einen Film promoten muss, den sie hasst, während nebenan ihr Kind schreit, weil der Babysitter abgesagt hat, die Mutter zum Friseur wollte und der Mann nach Köln.
Es sind sympathische Storys über oft mäßig sympathische Leute, Darsteller in einer „neuen Gesellschaft, seit Berlin Hauptstadt ist“, wie Adorjбn, die seit 2001 bei der FAS arbeitet, es sagt. Einen der besten Sätze im Buch schreibt sie einer anderen Schauspielerin zu, als diese während einer Filmpreisgala einen Kollegen wiedertrifft, „der Ärmste spielt noch immer in meiner alten Serie.“
Inger-Maria_Mahlke_c_SibylleBaierBei Inger-Maria Mahlke, 1977 geboren, die 2009 den Open Mike und 2012 in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis gewann, ist das Personal einige soziale Ebenen tiefer, die Konflikte existenzieller. Die afrikanischen Dealer mit Schulden. Die altersverwirrte Frau mit Hochstapler-Enkel. Die Alleinerziehende mit Arbeitsmotivationsdefiziten. Der kaufsüchtige Hausbesitzer, der irgendwann dazu übergeht, Rechnungen in der Wohnung zu verteilen, statt sie zu öffnen.

Inger-Maria Mahlke lebt seit 15 Jahren in Neukölln. Sie schaut weniger in ihre Figuren hinein als auf sie drauf, lässt sie quasi allein. Mit sich, ihrem Schicksal, allem. Es ist kein Buch über Gentrifizierung. Nur mit ihr. Mit ihrem zweiten Roman, sagt sie, habe sie den Neuköllner Jetzt-Zustand quasi abspeichern wollen. Ein für allemal.
Vielleicht sollte man beide Bücher genau so lesen. Als Jetzt-Zustände von Berlin. Zustände, die flüchtig sind. Episoden.     

Text: Erik Heier
Fotos: Alfred Steffen, Sibylle Baier

Johanna Adorjбn: „Meine 500 besten Freunde“, Luchterhand, 256 Seiten, 18,99 Ђ (erscheint am 25. Februar)
Buchpremiere mit Heike Makatsch
Grüner Salon, Rosa-Luxemburg-Platz 2, Mitte, Do 21.2., 20 Uhr  

Inger-Maria Mahlke: „Rechnung offen“ Berlin Verlag, 288 Seiten, 19,99 Ђ

 

Übersichtsseite Kultur und Freizeit in Berlin

 

 

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