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Berliner Literatursommer 2012

literaturfestival_copyright_Frida_PlucinskiAnfang September könnte es passieren, dass einem in der U-Bahn plötzlich Goethes Mephisto über den Heimweg läuft. Oder dass jemand beim Picknick im Park unversehens Bekanntschaft mit Nabokovs „Lolita“ macht. Der Grund ist die originelle Eröffnungsaktion des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb). In einer Mischung aus Flashmob, Performance und Lesung sollen am 4. September um 17 Uhr – eine Stunde vor Beginn des Festivals – überall in Berlin literarische Texte und Gedichte vorgetragen werden: von Autoren, von Prominenten, aber hauptsächlich von literaturbegeisterten Hauptstädtern selbst. „Jeder, der das Lesen liebt, kann an diesem Tag Botschafter für die Literatur sein“, sagt der Programmleiter des ilb, Thomas Böhm. „Wer da mitmacht, wird hinterher nicht mehr der gleiche Mensch sein, als der er hineingegangen ist.“ Die Idee zu der Aktion hatte der Festivalleiter Ulrich Schreiber, der damit die Berliner noch stärker an seinem Festival beteiligen will. „Überall in der Stadt soll auf verschiedensten Sprachen gelesen werden“, beschreibt Schreiber seine Version. Dabei wird der außergewöhnlichste Ort prämiert, jedem Teilnehmer winkt außerdem eine Freikarte für eine Veranstaltung des ilb – und natürlich die Aussicht, Teil einer berlinweiten Leseperformance zu werden.

Dieser Auftakt ist geradezu programmatisch für das 2001 von Schreiber begründete Festival, welches sich seit jeher über die Grenzen des herkömmlichen Literaturbetriebs hinwegsetzt – sowohl über regionale als auch inhaltliche. Im Gegensatz zu vielen anderen literarischen Großereignissen werden auf dem ilb auch internationale Autoren vorgestellt, die noch keinen deutschen Verlag haben. Die Übersetzungen ihrer Texte werden teilweise eigens für den Festivalauftritt angefertigt. „Wir sind das Entdeckerfestival“, sagt Programmleiter Böhm. Neben Neuentdeckungen sind bei der nunmehr zwölften Auflage aber auch große Namen im Programm zu finden, deren Werke den Vorstellungen des Teams von herausragender Literatur mit politischem Anspruch entsprechen. So etwa Herta Müller, Zeruya Shalev oder der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, der dieses Jahr die Eröffnungsrede hält. Am geschichtsträchtigen 11. September findet ein philosophischer Abend mit Richard David Precht und Richard Sennett statt, zwei Tage vorher unterhält sich Durs Grünbein mit Jonathan Meese über Kunst und Literatur.

Ein Fokus des 12. ilb ist zudem die Krise und Zukunft Europas. Besondere Aufmerksamkeit liegt auch auf der Programmsparte Kinder- und Jugendliteratur, die dieses Jahr größer ist als nie zuvor und der vom 7. bis 9. September erstmals ein eigenes Wochenende gewidmet ist. Es gibt also viel zu sehen und zu hören. Doch vorher sind die Berliner aufgefordert, selbst zum Buch zu greifen. Unter den Lesenden am 4. September wird übrigens auch der Festivalleiter Ulrich Schreiber selbst sein – er liest vor dem Haus der Berliner Festspiele aus Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“: einem der wichtigsten und witzigsten Romane des 20. Jahrhunderts – und nicht zuletzt eine leidenschaftliche Liebeserklärung an die Literatur.

Text: Inga Barthels

Foto: Frida Plucinski

12. Internationales Literatur­festival Berlin u.a. Haus der Berliner Festspiele, Di 4. bis Sa 15.9.; Eröffnungsaktion am 4.9. Anmeldung unter www.literaturfestival.com

Vorschau Lesungen im Juli

B.-Traven-Woche  
Eine Veranstaltungswoche mit Lesungen, Gesprächen und Vorträgen zum Werk von B. Traven, dem geheimnisvollen Verfasser
legendärer Romane wie „Das Totenschiff“ oder „Der Schatz der Sierra Madre“. 9.–13.7., Literaturforum im Brecht-Haus

Kleine Verlage am Großen Wannsee  
Kleine Buchmesse im Garten: 25 kleine und mittelgroße Verlage präsentieren sich. 21.7., 15.00, Literarisches Colloquium
Berlin

August

Story! Dritte Neuköllner Literaturwoche
Jeder Festivaltag ist einem speziellen Thema gewidmet zu dem verschiedene Autoren aus ihren Büchern lesen und diskutieren. David Wagner etwa, wird aus „Welche Farbe hat Berlin“ am Thementag „Heimat“ vortragen. 11.-17.8., Heimathafen Neukölln

September
12. Internationales Literaturfestival Berlin
Die wichtigste Literaturveranstaltung des Jahres beginnt mit einer stadtweiten Performance. Alle Berliner sind dann aufgerufen, am 4. September um 17 Uhr, an einem Ort ihrer Wahl, Lyrik bzw. Prosa zu lesen. Die elf folgenden Festivaltage bieten ein opulentes Programm mit Autoren aus aller Welt. 4.–15.9., verschiedene Orte, Infos siehe www.literaturfestival.com

Rachel Joyce
Er wollte eigentlich nur einen Brief einwerfen und läuft dann 1000 Kilometer weit. Die englische Autorin Rachel Joyce präsentiert „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“, einen von der Kritik gefeierten Roman über Geheimnisse, besondere Momente und zufällige Begegnungen. 13.9., 20.00, Babylon Mitte

Thilo Wydra  
Zwischen dem Glamour Hollywoods und dem Glanz des Fürstentums von Monaco: Grace Kelly war mehr Mythos als Mensch. In „Grace. Die Biographie“ beleuchtet Wydra das aufregende und tragische Leben der Schuspielerin und Stilikone. 15.9., 20.00, Babylon Mitte

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