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Neuer Verlag für alte Bücher

Neuer Berliner Verlag – Das kulturelle Gedächtnis

Alter, starker Tobak: Der neue Berliner Verlag Das kulturelle Gedächtnis fördert vergessene Werke zutage, deren Aktualität frappierend ist. Ein Küchengespräch

Küche, Bücher, Begeisterung: die Verleger Peter Graf (links) und Carsten Pfeiffer, Foto: A. Burkhardt

Dienstagabend im bürgerlichen Steglitz … – nein, so nicht! Dieser Beitrag verlangt nach einem eigenen Raum und einer eigenen Zeit. Das wäre den Büchern, um die es hier geht, angemessen. So könnte er im Hafen von Rotterdam beginnen, in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als Tausende darauf warteten, die ersehnte Überfahrt nach Nordamerika zu ergattern, unter Bedingungen, die jenen Schlauchbootdramen ähneln, die heute an den Küsten Nordafrikas ihren Ausgang nehmen. Denkbar wäre auch, den Blick ins Jahr 1835 zu richten und mit einer ungeheuerlichen Nachricht der „New York Sun“ zu eröffnen: der Entdeckung menschlicher Wesen auf dem Mond. Doch zurück ins Hier und Jetzt nach Steglitz.

Peter Graf steigt vom Rad, entledigt sich seines Helms, betritt ein Haus aus der Gründerzeit, nimmt Platz am Küchentisch. Ihm zur Linken sitzt Carsten Pfeiffer. Beide Männer sind um die 50 und haben aufregende Monate hinter sich. Und anstrengende. Was man Graf anmerkt, er ist erkältet, hustet fortwährend. Zusammen mit den Kollegen Thomas Böhm und Tobias Roth haben Graf und Pfeiffer einen Verlag gegründet. Der Name wirkt prätentiös, angestaubt: „Verlag Das Kulturelle Gedächtnis“. Gerade sind die ersten vier Titel erschienen. Alter Tobak, könnte man meinen. Voltaire, Franz von Bolgár, Richard Adams Locke, ein Nachfahre des berühmten Philosophen. Alter Tobak, aber mit jeder Menge Zündstoff. „Genau, darum geht’s,“ sagt Graf, „wir graben Sachen aus, zu Unrecht vergessene Texte.“ Mit unglaublichem Gegenwartsbezug, wäre zu ergänzen. „Wie Lockes Bericht,“ so Graf,  „über die vorgeblichen Mondentdeckungen des Astronomen Sir John Herschel.“ Ein Meisterstück alternativer Fakten, die in der Amtszeit von US-Präsident Andrew Jackson zur Pressesensation gerieten, weil sie geglaubt wurden. Böse Fake News, über die sich Donald Trump ereifern könnte.  Auch Voltaires neuübersetzte Streitschrift über religiösen Fanatismus besitzt, obwohl fast 300 Jahre alt, radikale Aktualität und liest sich wie eine Replik auf den Dschihad und die Gräuel des Islamischen Staates. Abenteuerlich und zugleich hellseherisch: Gottlieb Mittelbergers entbehrungsreiche „Reise in ein neues Leben“, das Buch einer Flucht aus Schwaben über Holland und England zu den Verheißungen der Neuen Welt – darunter auch sexuelle, die dem Pennäler Mittelberger allerdings zum Verhängnis werden. Und zuletzt das an das zerstrittene Europa gemahnende Buch aus der Reihe „Gegenschuss“, die Texte von Bolgár und Cambon über die Kunst des Duells und der Diplomatie.

Auf der Leipziger Buchmesse stieß der Nischenverlag auf guten Widerhall bei Presse und Publikum. Vielleicht, weil Unabhängigkeit mit im Spiel ist, der David-Bonus. „Keiner von uns will und muss von dem Verlag leben“, betont Pfeiffer. Alle vier haben einen Hauptberuf. „Dennoch,“ fährt der Vertriebs- und Marketingleiter fort, „wir sind kein Hobby-Unternehmen, wir arbeiten professionell.“

In der Literaturszene bekannt ist vor allem Peter Graf. Der hat bereits bei „Metrolit“ Bücher für hippe Großstädter gemacht und jetzt den 2009 in Zürich gegründeten Verlag „Walde + Graf“ zurückerworben. „Pro Jahr,“ sagt Graf, „wollen wir mit dem Kulturellen Gedächtnis acht Bücher realisieren.“ Die Auflagenhöhe liegt bei bis zu 3.000 Exemplaren.
Den Knaller erwarten Kenner im Herbst. Dann erscheint Walt Whitmans verschmähtes und von einem US-Studenten wiederentdecktes Frühwerk „Jack Engle“. Schon jetzt sorgt das Manuskript für Schlagzeilen, zumal, schöne Koinzidenz, auch dtv eine kommentierte Ausgabe plant, allerdings erst für 2018. „In 20 Jahren,“ sagt Graf und prostet Pfeiffer zu,  „habe ich noch nie so früh Anfragen bekommen von Buchhändlern, wie das jetzt bei ,Jack Engle‘ der Fall ist.“

Infos & Bücher www.daskulturellegedaechtnis.de

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