Bücher

Berlins neues Hanser-Viertel

Hanser_VerlagSchnelle Entschlüsse. Aus dem Bauch he­raus. Das kann sie. Manchmal muss das sein. Anfang Januar, Kino Delphi, 18-Uhr-Vorstellung. „Ziemlich beste Freunde“, der französische Überraschungshit. Ein querschnittsgelähmter Geschäftsmann und sein unorthodoxer Pfleger. Der Film basiert auf dem autobiografischen, in Frankreich bereits 2001 erschienenen Buch von Philippe Pozzo di Borgo. Elisabeth Ruge ist fasziniert. Vom Film über Freundschaft, Respekt. Auch vom Publikum. Junge, Alte. Großeltern, Enkel. Da ist es wieder, dieses Bauchgefühl.
Ruge ist die Chefin von Hanser Berlin. Den neuen Verlag baut sie jetzt mit dem Münchner Carl Hanser Verlag auf, das erste Verlagsprogramm ist für August avisiert. Sonnabend sitzt sie im Kino. Sonntag ruft sie den Scout in London an, fragt nach den deutschen Buchrechten. Frei. Montagnachmittag hat sie sie. Am 19. April erscheint nun das Buch. Das erste von Hanser Berlin. Weit vor dem Herbst. „Wir haben gemeinsam mit den Münchnern beschlossen: Das Buch muss noch im Frühjahr kommen.“ Als Elisabeth Ruge das sagt, sitzt man mit ihr im neuen Verlagsdomizil an der Friedrichstraße Ecke Kochstraße, auf Polstersesseln des österreichischen Architekturprofessors Adolf Krischanitz, die man stapeln kann. Es sind ein halbes Dutzend lichter, verbundener Räume einer ehemaligen Galerie. Verglaste Zwischentüren, erdfarbene Rahmen. Vergitterte Fenster. Das nur fünfköpfige Team ist nicht nur an den Computern zugange. Auch mit den Stühlen. Eigenhändig von der Belegschaft zusammengeschraubt. Und als der Bauleiter eine Tischplatte reinwuchtet, fasst der Pressebeauftragte mit zu. Ausgerechnet im Chefin-Büro: ein Riss im Boden. Aber frisch verkittet. Schlechte Omen braucht kein Mensch.

Draußen, die Großstadt. Checkpoint Charlie. Nicht weit weg: „taz“, Springer-Hochhaus, Jüdisches Museum, Gropius-Bau. Sozusagen: das neue „Hanser“-Viertel. „Ich wollte mit dem Verlag genau an diese Kreuzung“, sagt die 51-Jährige. Tochter des TV-Journalisten Gerd Ruge. Kindheit in den USA. Studium in Harvard, Moskau. Viel gereist. Ost, West. „Der Checkpoint Charlie ist ein Ort, der mich besonders berührt.“  Aber der ist doch Fake, ein Nachbau. „Ja, es ist ein Zirkus. Aber es ist eben immer noch dieser Ort. Ost und West.“
In diesen Tagen wird noch am ersten Verlagsprogramm gewerkelt. Zehn Bücher. Wie damals, 1994. Beim ersten Programm des Berlin Verlags. Ihrem bisherigen Verlag. Vor fast genau einem Jahr war es der große Knall. Ruge verließ den Berlin Verlag. Die Geschäftsführerin, vorher Lektorin bei S. Fischer, hatte ihn selbst gegründet, unter anderem mit ihrem damaligen Ehemann Arnulf Conradi. Damals eine der interessantesten hiesigen Verlagsneugründungen seit Langem. Doch der jetzige Mutterkonzern Bloomsbury trimmt alles auf globale Verwertung. Ruge glaubt, dass es in Deutschland noch anders geht. Solange die Buchpreisbindung Nischen offenhält. „Da habe ich mir gedacht: Warum soll ich mich auf ein Konzept einlassen, das mir den Spaß an der Arbeit verdirbt und mir nicht sinnvoll erscheint?“

Mehrere Kollegen aus anderen Verlagen hätten sich bald darauf bei ihr gemeldet, sagt sie. Darunter: Hanser-Verleger Michael Krüger aus München. Es war jener Anruf, auf den sie ein wenig gehofft hatte, insgeheim.
Hanser hatte vor Jahren schon mal eine Berlin-Dependance erwogen. „Das ist etwas Besonderes, mit einem der letzten großen unabhängigen deutschen literarischen Verlage etwas gemeinsam machen zu können.“

Im Herbstprogramm findet man nun einige wichtige Autoren, die vom Berlin Verlag mitkamen. Richard Ford, Richard Sennett (mit beiden arbeitete Ruge aber schon bei S. Fischer zusammen), Henning Ritter, Orlando Figes. Ingo Schulze ist an Bord, aber noch nicht im Herbst. Zwei Debüts sind auch dabei. Darunter eine junge Schriftstellerin mit einer grellen Table-Dance-Club-Reportage, unter Pseudonym. Klingt nach heftigem Trash. Bis man Ruge schwärmen hört vom „Spiel mit dem Genre des Gonzo-Journalismus“. Hunter S. Thompson. Schon besser. Zuerst aber: Pozzo di Borgo. Elisabeth Ruge hat ein gutes Gefühl dabei. 

Text: Erik Heier
Foto: Harry Schnitger

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