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Bernd Cailloux: „Gutgeschriebene Verluste“

Der glücklichste Moment in seinem Leben, so erzählte Bernd Cailloux einmal, sei der Tod seines Verlegers Siegfried Unseld gewesen. „Er hatte eine Art, pro Saison zwei Autoren von der Liste zu streichen. Mein Name war damals auch dabei. Dann aber starb er, und ich konnte ,Das Geschäftsjahr 68/69‘ schreiben.“ Der Roman über zwei Hippie-Unternehmer wurde hochgelobt. Die Ausgangssituation im neuen Buch „Gutgeschriebene Verluste“ ist nun eine ähnliche.

Dreimal im Jahr treffen sich die beiden einstigen Angehörigen der „Trinkgruppe Winterfeldtplatz“ im „Cafй der Übriggebliebenen“, es ist das Jahr 2005, und reden über „die große Zeit“ Anfang der 80er-Jahre in Schöneberg. Thomas Leiser ist Autor und lebt zurückgezogen am Ostrand von Berlin. Der Ich-Erzähler, ein Radiofeuilletonist, hingegen ist im Kiez geblieben. Die „nomadenhafte Häuslichkeit“ zieht er „dem geordneten Leben in den heimischen vier Wänden vor“. Frauen? Das war einmal. Jetzt frönt er wie all die anderen täglich im Cafй der „Einsamkeit als Gruppenerlebnis“. Sind die Drogen schuld an dieser „verbummelten Existenz“? Jetzt, mit 60, ist ohnehin der Ofen aus. Sein Liebesleben beschränkt sich auf wenige „spürbar karitativ gewährte Gelegenheiten“. Bis Ella in sein Leben tritt.

Gut geschrieben ist dieser Roman in der Tat. Es gibt darin wunderbare Passagen, die die Ideale der Alt-68er selbstironisch analysieren. Eins ist klar: Dieser kauzige Erzähler trägt mehr als nur Züge des Autors. Auch Cailloux ist 1945 in Erfurt geboren, hat mit Discolicht in Düsseldorf sein Geld gemacht, bevor er den „Königsweg der Unangepassten“ ging und nach Westberlin zog. Wenn der Roman trotzdem etwas unentschlossen wirkt, ist das gewollt. Cailloux beschreibt mit seinem Alter Ego ein „im Namen der Freiheit bis zur Asozialität hochgezüchtetes Individuum“. Die Ideale sind immer noch die alten. Aber das Leben hat sie über die Jahre widerlegt. Das zu akzeptieren fällt schwer.    

Text: Welf Grombacher
tip-Bewertung: Lesenswert

Bernd Cailloux: „Gutgeschriebene Verluste“
Suhrkamp, 272 Seiten, 21,95 Ђ

Lesung bei der Langen Buchnacht in der Oranienstraße
Wirtshaus Max & Moritz, Oranienstraße 162, Kreuzberg, Sa 12.5., 22 Uhr

 

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