Kommentar

„Betreutes Lesen“ von Erik Heier

Natürlich bin ich nicht bestechlich. Aber ich möchte wenigstens gefragt werden. Zum Beispiel hatten sie bei Hanser Berlin eine fabelhafte Marketing-Idee

Erik Heier

Der Roman „Ein wenig Leben“ der „New York Times“-Stilredakteurin Hanya Yanagihara ist kein Buch, das sich für die gelegentliche Lektüre auf dem Weg von und zur Arbeit eignet. Es will erobert werden. Dann erobert es seinen Leser zurück. In dem 960-Seiten-Epos wird eine Freundschaft von vier unterschiedlichen Männern  verhandelt. Die Marketing-Idee von Hanser Berlin bestand nun darin, Buchhändler, Kritiker und Blogger in eine Ferienwohnung am Schwielowsee einzuladen, um drei Tage lang nichts anderes zu tun als „Ein wenig Leben“ zu lesen.  Jetzt, zum Erscheinen des Buches, regnete es überall seitenlange Hymnen. Tolles Buch, tatsächlich. Bei einem Grottenwerk würde das natürlich nie funktionieren. Die Lesereisen-Idee finde ich trotzdem großartig. Bei Piper erscheinen zum Beispiel unter dem Titel „Denunziation“ Anfang Mai „Geschichten aus Nordkorea“ von einem Dissidenten namens „Bandi“. Ich bin nicht sicher, ob sie das bei Piper wissen. Aber ich war noch nie in Nordkorea. Ich sage es ja nur. Beim „Ein wenig Leben“-Lesetrip war ich übrigens nicht eingeladen. Thomas Rohde, der Pressemann bei Hanser Berlin, hat mir aber versprochen, beim nächsten Mal an mich zu denken. Dann kann ich ja immer noch entscheiden, ob ich es ablehne. Gefragt zu werden kostet ja nichts.

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