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Bis zu fünf Reihen hinter dem Notausgang, und ihr Leben ist gerettet!


„Survive“ und „Wer überlebt?“: Zwei neue Bücher zeigen Einblicke in Verhalten unter Extrembedingungen – Schiffsunglücke, Flugzeugkatastrophen und Attentate.
 
Flugzeugtrümmer fielen vom Himmel, und zwischen den Wrackteilen ragten zwei Beine in die Höhe. Die Beine gehörten der Stewardess Vesna Vulovic, und der 26. Januar 1972 wurde für sie zum Tag ihrer zweiten Geburt. Sie überlebte, nachdem eine Bombe im Gepäckraum ihres Flugzeugs explodiert war, den Fall – aus zehn Kilometern und 160 Metern Höhe. Forscher rätseln bis heute, wie Vulovic mit Knochenbrüchen davonkam. Als Selbstmörderin, urteilt FAA-Experte Richard Snyder, hätte die Flugbegleiterin höhere Überlebenschancen gehabt: „Selbstmörder sind relaxter.“ Das übertrage sich auf die Knochenbelastbarkeit, sie überstünden einen Aufprall besser als verkrampfte Leute.

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Fallbeispiele (im wahrsten Sinne des Wortes) wie die der Stewardess versammeln zwei neue Bücher, die das Verhalten in Extremsituationen beschreiben: „Wer überlebt?“ des ABC-Reporters Ben Sherwood sowie „Survive“ von Amanda Ripley („Time Magazine“). Beide Journalisten führten Interviews mit Überlebenden so unterschiedlicher Erfahrungen wie Auschwitz, dem 11. September, Katrina oder Estonia.
 
Ihr Fazit ist ernüchternd, aber einleuchtend: Nichts garantiert das Überleben im Ausnahmezustand. Niemand bringt das besser auf den Punkt als Eli Wiesel, der in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald erfahren musste, dass er für seine eigenes Überleben nicht verantwortlich sein konnte: „Es war Zufall. Das ist alles.“ Aber auch in den Fällen, in denen Menschen nicht der Willkür anderer ausgesetzt, sondern handlungsfähig waren, können Sherwood und Ripley nicht mehr als nur aus dem Einzelfall abgeleitete Voraussetzungen zusammen tragen. Überlebende seien diejenigen, die „die Alarmglocken der Furcht ausschalten“, und, so weit wie möglich, Fluchtmöglichkeiten vorausplanen, wie bei einer Gebäudeevakuierung. Wer hätte das gedacht?
 
Geradezu zynisch und darwinistisch klingt da Sherwoods Ratschlag, wie man bei der Flucht aus einem brennenden oder sinkenden Flugzeug einen Vorteil gegenüber allen anderen haben kann: niemals weiter als fünf Sitzreihen von einem Notausgang entfernt zu sitzen. Völlig gaga wird es, wenn der Reporter für brenzlige Situationen als Charaktervorbild ausgerechnet MacGyver hinzuzieht – jener TV-Held, der bei Gefahr schon mal Bomben mit Büroklammern entschärfen kann.
 
Überleben lässt sich also nicht trainieren. Was beide Arbeiten dafür umso eindringlicher leisten ist die Aufarbeitung von Einzelschicksalen. Amanda Ripleys Recherchen zum Massaker an der Virgina Tech University, dem Hurrikane in New Orleans sowie den Massenpaniken in Mekka bieten Aufschlussreiches über das Verhalten. So kann sich die in der Evolution entwickelte Schockstarre unerwartet als vorteilhaft erweisen. Ein Schüler der Virginia Tech berichtet, dass ihm vielleicht seine Angstlähmung gegenüber dem bewaffneten Amokläufer das Leben gerettet hat. Der Mörder nahm ihn nicht ins Visier. Man kennt das aus dem Tierreich: Leblos wirkende Beute wird vom Jäger als krank und damit gesundheitsgefährdend wahrgenommen.
 
In einer hoch technisierten Welt stellt sich diese gute Anpassungsreaktion jedoch auch als tödlich heraus: Wenn sich nicht mehr das „Raubtier“, sondern wie im Falle des Estonia-Fährunglücks, eine defekte Ladeluke als Gefahr erweist, können steinzeitliche Reaktionsmuster nicht helfen. Denn die Ladeluke reagiert nicht auf den Menschen. Etliche ertrinkende Passagiere, erzählten Überlebende, hätten sich bewegungslos ihrem Tod ergeben.

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Und wie häufig erst der staatliche Katastrophenschutz versagt. „Panik hat oft als Möglichkeit herhalten müssen, die Schuld auf die Opfer abzuwälzen, die Öffentlichkeit nicht mit einzubeziehen“, schreibt Ripley. Die Toten bei der Massenpanik in Mekka 1990 bezeichnete der saudiarabische König Fahd als „Gottes Wille“. Breitere Wege, die den Pilgerstrom zur Kaaba aufgelockert hätten, baute er nicht.
 
Normalbürger werden in Notfallplänen meist nicht einbezogen, das macht das Leben für Rettungskräfte bequemer. Die Betroffenen sind auf sich allein gestellt. Gemeinschaftssinn kann Leben retten, was die Gemeinde Grand Bayou nahe New Orleans bewies, 125 Menschen, die eng miteinander vernetzt waren. Sie alle verließen ihr Dorf zwei Tage, bevor Hurrikane Katrina sie erreichte. Wer in New Orleans blieb oder bleiben musste, hatte das Pech, auf Rettungskräfte warten zu müssen. Auch der 11. September, sagt der US-Heimatschutz-Offizier Stephen Flynn, sei ein großer Tag für Normalbürger gewesen. Der von Terroristen gekaperte Flug 93 mit Kurs auf das Weiße Haus wurde von den Passagieren umgelenkt, bevor er auf einem Feld aufschlug. „Es ist eine große Ironie, dass unsere gewählten Vertreter von ganz normalen Bürgern beschützt wurden.“
 
 
Ben Sherwood, „Wer überlebt?“: Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht“,  Riemann 2009, 476 Seiten, 21 Euro.
Amanda Ripley, „Survive: Katastrophen – wer sie überlebt und warum“, Scherz Verlag 2009, 336 Seiten, 14,95 Euro.

Copyright Foto: macten, greenmenowar 

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