• Kultur
  • Bücher
  • Brenda Strohmaier verabschiedet in ihrem Buch „Nur über seine Leiche“ den ehemaligen tip-Filmredakteur Volker Gunske

Vorabdruck

Brenda Strohmaier verabschiedet in ihrem Buch „Nur über seine Leiche“ den ehemaligen tip-Filmredakteur Volker Gunske

Fuck Vollständigkeit! Die Journalistin Brenda Strohmaier war mit dem langjährigen, 2016 nach langer Krankheit gestorbenen tip-Filmredakteur Volker Gunske liiert. Nach seinem Tod stand sie vor der Aufgabe, seinen Nachlass zu sortieren. Dabei half ihr auch Marie Kondo. Ein Auszug aus Brenda Strohmaiers neuem Buch „Nur über seine Leiche“

Brenda Strohmaier © Dominik Butzmann

Ich kenne Volkers erste Adresse in Berlin bestens, obwohl er dort schon 1986 ausgezogen ist, fast zwei Jahrzehnte bevor wir uns kennenlernten. Aber bis heute ist die Straße nebst Hausnummer das Passwort für den Apple-Rechner, den ich von ihm erbte. Im Nachlass fand ich den entsprechenden Mietvertrag zur Wohnung, und seither weiß ich auch, dass er für die 34 Quadratmeter im Stadtteil Reinickendorf gerade mal 99,23 Mark im Monat zahlte, inklusive Nebenkosten. Der Vertrag klebt nun in meinem Volker-Gedächtnisalbum. Wenn ich ihn betrachte, höre ich Volker von den Achtziger-Jahren in Berlin reden, mit dem Stolz derer, die noch Kreuzberg 36 und 61 unterscheiden können.

Elf Monate nach seinem Tod habe ich das Album zusammengestellt, damals, als die Trauer randalierte wie nie zuvor. Nach einem harten, langen Winter hatte der Frühling sich endlich die Ehre gegeben, ich wollte die Sonne genießen und die Trübsal aus meinem System schleudern wie die Frühblüher ihre Pollen. Doch da holte die Trauer, offenbar schwer beleidigt, noch mal zu einem fulminanten Schlag in den Magen aus. Während ich mich krümmte, flüsterte sie: „Ja, wie wollen wir uns denn amüsieren, ohne Volker?“ So machte ich mich bei blitzeblauem Himmel brav drinnen an Volkers Leben und Werk.

Zeugs, der Gott unserer Zeit

Ich blätterte und grub mich durch Fotos, Zeitungsartikel, Zeugnisse, Filmfestival-Akkreditierungen, Briefe. Neben mir eine Papiertüte fürs Altpapier und eine Mülltüte für den Rest, vor mir der Stapel fürs Album. Volker und ich hatten uns akribisch auf einen finalen Entsorgungsjob vorbereitet, und zwar nicht wegen seiner Krankheit, sondern aus Krimskramsüberdruss. Ungefähr anderthalb Jahre vor seinem Tod begannen wir, unser Leben fundamental aufzuräumen, inklusive Keller. Ursprünglich wollte ich nur eine Geschichte über „Magic Cleaning“ schreiben, den Bestseller der japanischen Entrümplungsexpertin Marie Kondo. Schließlich wurde daraus ein Mega-Ausmistprojekt, ein ganz großer Schlag gegen Zeugs, den mächtigsten Gott unserer Zeit.

Kondo ist in Amerika bereits zum Synonym für konsequentes Loslassen geworden – und ein Verb. „Ich habe meine Rezeptbücher gekondot“, heißt es dort zum Beispiel. Das Credo klingt simpel: Wer seine Gewohnheiten ändern wolle, müsse an der „inneren Einstellung zur Ordnung“ arbeiten. Entscheidend sei, nur noch die Sachen zu behalten, die einem wirklich Freude machten. Und den Rest – nach Kondos Erfahrungen mindestens zwei Drittel des Haushalts – soll man entsorgen, am besten Kategorie für Kategorie in folgender Reihenfolge: Kleider, Bücher, Papiere, Kleinkrams, Erinnerungsstücke.

Sogar Bücher zu verabschieden war leicht. Dabei war es uns zunächst als fernöstlicher Ordnungswahn erschienen, diese Kategorie überhaupt zu nominieren. Waren all die Werke in unseren Regalen nicht wie Kinder, die wir alle gleich liebten? Beim Sortieren stellten wir jedoch schnell verblüfft fest, dass zu vielen die Zuneigung gänzlich fehlte oder erkaltet war. Die App von Momox, einem Gebrauchtwarenhändler, half zudem kräftig nach. Was machte es Spaß, mit der Handykamera den Strichcode der Bücher einzuscannen und zu sehen, was der Käufer dafür bot. Vom Ingrid-Noll-Krimi („Selige Witwen“!) bis zum „Mythos Rommel“ – für vieles gab’s 15 Cent, für ein Popbuch vom WDR sogar 14 Euro. Bücher wie „Karate 1“ erwiesen sich dagegen als völlig wertlos. Am Ende überwies Momox uns einige Hundert Euro.Über eBay verkauften wir noch zwei überflüssige Billys und bewunderten den Platz in den restlichen Regalen. Was darin überlebte, wirkte wertvoller. Langsam verstanden wir, was Kondo meinte mit dem Blick für das Wesentliche. Auf einmal war nur noch Schönes/Wichtiges/Geliebtes um uns herum.

Auch „Komono“, zu Deutsch: „Kleinkram“, war eine erstaunlich leichte Aufgabe. Dabei stellte ich fest, dass meine ständige Panik, die Batterien für mein Aufnahmegerät oder die Computermaus könnten ausgehen, völlig unbegründet war. Dreiunddreißig Stück tauchten auf, ebenso zwei Ladegeräte für Akkus.

Wir waren stolz auf unser neues Leben. Zuletzt machten wir, oder besser: ich, uns an die Erinnerungsstücke. Volker ­prokrastinierte und lagerte seine umfangreiche Sammlung an Dokumenten erst mal in Kisten unter dem Schreibtisch. Beeindruckt und ein bisschen erschrocken schaute er mir dabei zu, wie unsentimental ich meine Sammlung von Fotoabzügen nach dem Kondo-Prinzip in Kürze ­eindampfte. Auch wenn ich eher bei zehn statt bei den von ihr empfohlenen fünf Bildern pro Urlaub landete – der Rest passte locker in zwei Alben. Die im Computer gespeicherten Fotos zu sortieren, erwies sich dagegen als Digitalpest. Ich schwor, nie wieder zigfach Sonnenuntergänge zu knipsen!

Zu viele Witwenratgeber im Regal

Wenige Monate vor seinem Tod machte auch Volker sich an seine Erinnerungen. Er quälte sich damit, wirkte müde und deprimiert. Wahrscheinlich spürte er trotz allem Optimismus seiner Ärzte, dass er da gerade sein Vermächtnis aufbereitete.

Ich war froh, das Marie-Kondo’sche Sortierprinzip verinnerlicht zu haben. Ich ­schickte für alle Fälle ihr und Volker zwischendurch immer wieder ein paar dankbare Gedanken für ihre grandiose Vorarbeit. Für das rechtzeitige Aufräumen gibt es im Schwedischen sogar ein Wort: „Döstädning“, zu Deutsch: Todesreinigung. Im Jahr nach Volkers Tod veröffentlichte dazu die Künstlerin Margareta Magnusson einen viel beachteten Ratgeber. Im Deutschen erschien er unter dem Titel „Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen“.

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, schrieb Jean Paul. Ich weiß nicht, ob das stimmt, spätestens bei meinem Tod wird wohl auch Volkers Erinnerungsalbum sterben. Aber ich weiß, dass das Paradies auf Erden noch paradiesischer wird, wenn man es kuratiert, also sich traut, konsequent nur das aufzuheben, was einem besonders am Herzen liegt. Fuck Vollständigkeit! So habe ich aus Volkers Zeit als Filmkritiker beim Stadtmagazin tip nebst persönlichen Texten („Ich war im Schützenverein“) vor allem Besprechungen meiner Lieblingsfilme aufbewahrt, von „The Wrestler“ bis „Gran Torino“. Und natürlich die grandiose Serie über den Berliner CDU-Politiker Frank Steffel, dem Volker einen satirischen Arztroman gewidmet hatte.

So flott und gewieft hatte ich Volkers Leben schließlich innerhalb eines Tages auf hundertfünf Fotos, fünfundreißig Artikel und fünf Mietverträge nebst ein paar Schulzeugnissen (»Betragen stets sehr gut«) kondensiert, als verbrächte ich meine Freizeit ständig damit, Gedächtnisalben für Ehemänner zu erstellen. Einziges Problem: Zu gerne hätte ich danach Volker ganz viele Dinge gefragt, zum Beispiel wie es war, Quentin Tarantino 1994 zu interviewen. Und welche Zigaretten er da eigentlich in den Achtzigern geraucht hatte, die so wahnsinnig qualmten?

Jetzt wäre es eigentlich an der Zeit, meinen alten WindowsRechner zu entsorgen, der arbeitslos neben dem Schreibtisch steht, weil der neue Apple obsiegte. Und die Bücher im Regal – ich sage nur: Witwenratgeber – stehen schon wieder in zwei Reihen. Aber vielleicht ­blättere ich stattdessen lieber ein wenig im Album. Der zweite Mietvertrag stammt übrigens von 1986, 63 Quadratmeter Sonnenallee in Neukölln, 460,39 Mark

Text: Brenda Strohmaier

Brenda Strohmaier
Jahrgang 1971, lebt seit 1990 in Berlin und ist Stilredakteurin bei der Zeitung „Die Welt“. Seit 2005 war sie mit dem Film­kritiker Volker Gunske liiert – seit 2015 verheiratet – der 2016 starb. Ihr erstes Jahr als Witwe beschreibt sie in ihrem gerade erschienenen Buch „Nur über seine Leiche“
(Penguin, 336 S., 14 €)


BuchpremierePfefferberg Theater, Moderation: Anja ­Caspary (Radioeins), Schönhauser Allee 176, Mitte, Mo 4.3., 20 Uhr, Eintritt 12 €