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Bret Easton Ellis neuer Roman „Imperial Bedrooms“

Bret_Easton_EllisEr fragte sich, was Clay wohl heute macht. Weil ihn diese Ungewissheit nicht mehr losließ, habe er, so Bret Easton Ellis in Interviews, eine Fortsetzung von „Unter Null“ geschrieben. 1985 wurde er mit seinem Debüt als die Stimme seiner Generation gefeiert. Da war Ellis wie Clay, seine Roman­figur, Anfang 20. Jetzt, 25 Jahre später, erscheint sein neues Buch. Die Protagonisten von damals sind, wie Ellis selbst, ein Vierteljahrhundert älter geworden. Wie in „Unter Null“ kehrt Clay kurz vor Weihnachten in seine Heimatstadt Los Angeles zurück. Diesmal aber nicht als Student, sondern als erfolgreicher Drehbuchautor.

Spekulationen um die autobiografischen Züge von Ellis’ Büchern gab es von Anfang an. Parallelen zwischen ihm und seinen Hauptfiguren, ob Clay in „Unter Null“ und jetzt in „Imperial Bed­rooms“, ob Patrick Bateman in „American Psycho“ oder der Ich-Erzähler in „Lunar Park“, scheinen allzu offensichtlich. Nicht zuletzt durch Äußerungen von Ellis selbst glaubt man, sich ihm über seine Geschichten nähern zu können. Das mag ein interessantes Unterfangen sein, gerade jetzt, wo er zu den Protagonisten seines Generationsporträts, einer Generation, der er zweifelsohne angehört, zurückgekehrt ist. Aber es verstellt möglicherweise den Blick auf eine viel wichtigere Frage: Weiß man nicht längst, was Clay heute macht?

In „Unter Null“ koksen, saufen und ficken sich die rich kids von Los Angeles, Clay, Blair, Trent und Julian durchs Leben. Absolut antriebslos, stumpfsinnig und total desinteressiert an allem und jedem. Dass sich daran 25 Jahre später nichts geändert hat, verwundert nicht. In „Imperial Bedrooms“ gibt es allerdings eine Steigerung: Die Gefühllosigkeit und die völlige Abwesenheit moralischer Werte mündet in nackte Gewalt und brutale Demütigung. Auch das kommt nicht unerwartet. Schließlich deutet sich das in „Unter Null“ bereits an. Wie Clays Leben heute aussieht, kann sich jeder selbst ausmalen. Dazu braucht es keinen Fortsetzungsroman. Vielleicht hat Ellis das beim Schreiben gemerkt und deshalb alles in einen Psychothriller-Plot gepresst. Das aber macht „Imperial Bedrooms“ zu einem anstrengenden Buch.

Was hingegen funktioniert, ist, wie man es von Ellis kennt, seine Erzählweise. Jeder Satz sitzt. Kein Psychologisieren, keine Rechtfertigungen, kein Wort zu viel. Auf über 200 Seiten werden dem Leser menschliche Abgründe präsentiert, die nichts Menschliches mehr an sich haben. Mit dem Satz „Ich habe nie jemanden gemocht und ich habe Angst vor allen“ endet „Imperial Bedrooms“. Und das lässt einen frösteln, egal wie abgebrüht man ist, egal wie oft man „American Psycho“ gelesen hat. Die Abgründe, die sich hier und in all seinen Büchern auftun, sind gar nicht so weit hergeholt.    

Text: Katharina Wagner
Foto: Jeff Burton

(tip-Bewertung: Annehmbar)

Bret Easton Ellis: „Imperial Bedrooms“ Aus dem Amerikanischen von Sabine Hedinger. Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 18,95?Ђ
Lesung am Fr 1.10., 20 Uhr im Admiralspalast, Studio, Friedrichstraße 101, Mitte,

weitere Rezensionen:

ZWIESPÄLTIG: PAUL AUSTER:“UNSICHTBAR“

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