Bücher

Brooke Davis

Brooke Davis

Sie ist früh dran an diesem verregneten Dienstagmorgen, sitzt schon im Cafй und liest. Der Weg war aber auch nicht weit. Nur die Straße runter. Fast zwei Monate wohnt Brooke Davis nun schon in der Friedrichshainer Simon-Dach-Straße. Ein paar Tage noch und sie zieht weiter nach ­Kanada – wieder Buchläden abklappern. Vielleicht bald auch Portugal oder die Türkei. Reisen helfe ihr, „das Gehirn zu beruhigen“, sagt die 1980 im kleinen australischen Städtchen ­Bellbrae geborene Autorin. Mädchenhaft in der Erscheinung ist sie, warm und ansteckend ihr Lachen, das es vermag, innerhalb weniger Augenblicke eine vertraute Atmosphäre zu schaffen.
Brooke Davis war auch auf Reisen, als sie die Nachricht erhielt, dass ihre Mutter bei einem Unfall gestorben ist. Da war sie Mitte zwanzig, Ihre Reaktion glich jedoch der eines trotzigen Kindes. „Warum hat mir niemand gesagt, dass meine Mutter sterben kann?“ Es sei ganz egal, wie alt man ist. „Wenn deine Eltern sterben, lernst du noch einmal neu, was es heißt, in dieser Welt zu leben“, sagt sie.  
Und so war es auch als Erstes Millies ­Stimme ( die eines siebenjährigen Mädchens), die ihr im Kopf herumschwebte, als sie beschloss, ein Buch zu schreiben. Brooke Davis wollte die Trauer kreativ verarbeiten, als Teil ihrer Promotion in Creative Writing. Denn darüber nachdenken würde sie sowieso, an jedem einzelnen Tag.
Millie, die so mutige wie kindlich-weise Hauptperson von „Noch so eine Tatsache über die Welt“ ist fasziniert vom Tod. Akribisch führt sie Buch über alle „toten Dinge“, die ihr begegnen. Ihr Hund Rambo zum Beispiel, eine Spinne – und eines Tages auch ihr  Vater. Als ihre Mutter sie aus Verzweiflung im Kaufhaus aussetzt, spürt Millie vollends, was Verlust bedeutet. Sie trifft auf den 87-jährigen Witwer Karl, der aus dem Altenheim getürmt ist, und die 82-jährige Agatha, die sich seit dem Tod ihres Mannes die Zeit mit Nachbarn-Anpöbeln und Faltenzählen vertreibt. Dieses Trio der Waisen und Einsamen begibt sich auf die Suche nach Millies Mutter, quer durch Australien.
Als „Noch so eine Tatsache über die Welt“ letzten Sommer in Australien erschien, nach sechs Jahren intensiver Schreibarbeit, ging plötzlich alles ganz schnell. Der Roman wurde ein Hit. Auf der Londoner Buchmesse löste er ein Wettbieten der Verlage aus, wurde bisher in 25 Länder verkauft, in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Dieser Knall kam unverhofft, denn Brooke Davis’ Beruf – sie arbeitet als Buchhändlerin in Perth – hatte sie Demut gelehrt. „Wenn du siehst, wie jeden Tag unzählige neue Bücher reinkommen und wieder rausfliegen, senkt das alle Erwartungen“, sagt sie.  
Dabei ist ihr ein ausgesprochen warmes und kluges Buch gelungen. Ein Buch über das Trauern und Altern – das sich der über allem lagernden Frage stellt: Wie lebt man mit dem Wissen, dass jeder, den man liebt, jederzeit sterben kann? Und das in einer Sprache, die der Geschichte etwas beinahe skurril-märchenhaftes verleiht.  
Schon als Kind habe sie am liebsten die schwarzhumorigen Geschichten von Roald Dahl gelesen und früh begonnen, selbst zu schreiben. „Meist Nonsens-Gedichte und Geschichten, in denen am Ende alle tot waren“, erzählt sie und lacht.
Eines Tages wolle sie ihr Buch auch in Deutsch lesen können. Kein Gerede, sie macht Ernst. Am Nachmittag hat sie Deutschunterricht mit jemanden vom Goethe-Institut. „Mal schauen, wie ich mich schlage.“ Aber bis Oktober ist ja noch Zeit. Denn da kommt sie zurück nach Deutschland – auf die Frankfurter Buchmesse.

Text: Andrea Hahn

Foto: Ailsa Bowyer

Noch so eine Tatsache über die Welt von Brooke Davis, aus dem Englischen von Ulrike Becker, Verlag Antje Kunstmann, 280 S., 19,95 Euro

Mehr über Cookies erfahren