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Bücher zur Wende

Bücher zur Wende

Nachdem die Wäsche auf der Leine im Garten dreimal getrocknet und wieder nass geworden ist, lassen Andreas und Ulrike sie schließlich hängen: „Wenn wir was brauchen, nehmen wir’s einfach von der Leine, und wenn es schmutzig ist, hängen wir’s wieder hin, und den Rest erledigt die Natur.“ Die Freiheit scheint grenzenlos in diesem Sommer 1990. Erst mal ein Urlaubssemester einlegen und ab aufs Land, wo Ulrike in Neu-Buckow das alte Haus des Großvaters geerbt hat. „Die Zukunft und ihre Pläne waren in diesen Tagen weiter entfernt als das Pleistozän. Zum ersten Mal war die Gegenwart wichtiger.“
So wie dem jungen Pärchen in Andrй Kubiczeks Roman „Das fabelhafte Jahr der Anarchie“ ging es damals vielen. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls erscheinen jetzt allerlei Bücher, die diesem entkoppelten und freien Lebensgefühl Ausdruck geben. Das prominenteste ist Lutz Seilers gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman „Kruso“: In einer mythisch verklärenden Sprache, von Traumsequenzen gesättigt, erzählt die Robinsonade von dem gescheiterten Germanistikstudenten Ed, der als Saisonkraft auf die Insel Hiddensee kommt und dort unter lauter „Schiffbrüchigen“ die Wende erlebt. Einer nach dem anderen verlässt das untergehende Land. Nur Ed und Freund Kruso halten wie im Wahn die Stellung und bringen das entvölkerte Betriebsferienheim Klausner durch die rechtsfreie Zeit.
Mit den nach 1960 geborenen Autoren schildert eine neue Generation ihre Sicht auf den politischen Umbruch, der für sie mit dem Erwachsenwerden zusammenfiel. Während viele der Älteren noch wie Erich Loest („Nikolaikirche“) oder Eugen Ruge („In Zeiten des abnehmenden Lichtes“) den Epochenwechsel mit Repression und Stasi verbunden haben, dominiert bei den Jungen ein Freiheitsgefühl.
Jakob Hein erinnert sich im Sammelband „Welche Mauer eigentlich?“ daran, wie er am 9. November den Fernseher anmachte und glaubte, da werde ein „Volksfest“ aus West-Berlin übertragen. „Auch die DDR-Medien berichteten darüber.“ Und Falko Hennig, der, wie er schreibt, ein „ganz normaler Jugendkrimineller der Wende“ war, schwärmt ähnlich wie Kubiczek von diesem bemerkenswerten Jahr 1990: „Dieser anarchistische Sommer, als zwar die Einheit schon gewählt war, aber die DDR noch existierte mit ihrer Polizei, die aus angemessenem Unrechtsbewusstsein nicht wagte, einzuschreiten.“
Selbst in Grit Poppes „Schuld“ ist das subversive Moment vorhanden – verliebt sich die in einem linientreuen Elternhaus aufgewachsene Jana doch in den aufsässigen Jakob. Seit seine Eltern einen Ausreiseantrag gestellt haben, wird er schikaniert. Trotzdem verteilt er Flugblätter – und muss ins Gefängnis.
Mehr als 20 Jahre später bleibt manchem von dieser vogelfreien Zeit nur noch ein Alkoholproblem. Wie dem fahrigen Mark Labitzke im herrlich sarkastischen Roman „Wasserstand und Tauchtiefe“ von Karsten Krampitz (der wie Kubiczek und Hennig 1969 geboren wurde): Im Rollstuhl schiebt er seinen Vater durch das brandenburgische Schernsdorf. Bei dem alten Funktionär funktioniert fast nichts mehr. Nach drei Schlaganfällen kann er nicht sprechen, und Mark kann ihm endlich mal die Meinung stoßen. Bei allem Unmut aber muss er seinen Erzeuger pflegen, lebt er doch von dessen Pension. „Der Kühlschrank ist immer gefüllt, die Rechnungen sind bezahlt. Es geht uns gut – solange nur deine Organe funktionieren. Wir haben Zeit und deine Rente.“ Die Jugendlichen von damals sind erwachsen geworden. Ihren Traum von Freiheit müssen sie heute in ihren Büchern leben.

Bücher zur Wende

Das fabelhafte Jahr der Anarchie ?von Andrй Kubiczek, Rowohlt Berlin, ?272 Seiten, 19,95 Euro

Kruso ?von Lutz Seiler, Suhrkamp, ?484 Seiten, 22,95 Euro

Schuld ?von Grit Poppe, Dressler Verlag, ?336 Seiten, 9,99 Euro

Wasserstand und Tauchtiefe ?von Karsten Krampitz, Verbrecher Verlag, ?250 Seiten, 19 Euro
Lesung Die Insel, Greifswalder Straße 41, Prenzlauer Berg, Do 20.11., 20 Uhr

Welche Mauer eigentlich? ?von Falko Hennig und Alessandra Schio (Hrsg.), Be.bra Verlag, 144 Seiten, 9,95 Euro;
Buchpremiere Roter Salon, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Sa 9.11., 20 Uhr

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