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„Raketen Männer“ von Frank Goosen

Seit einem Monat blockiert sein Kumpel Sabolewski das Gästezimmer. Die Freundin hat ihn rausgeschmissen. Arbeit hat er auch keine. Wenn Kobusch abends nach Hause kommt, fühlt er sich wie zu Besuch im eigenen Haus. Die Kinder sitzen mit „Sabbo“ vor dem Fernseher und lachen über dessen Witze. Die Frau näht an einer Jacke, die nicht Kobusch gehört. Und wenn er nicht mehr losziehen will, ein Bier trinken, weil er morgen fit sein muss, fragt Sabolewski: „Wieso, was ist morgen?“ -Kobusch: „Nichts Besonderes. Arbeit halt.“ Dann muss er sich vom Kumpel auch noch anhören: „Derselbe Scheiß wie immer also. Und dafür musst du fit sein?“
Die tragischen Helden in Frank Goosens neuem Buch „Raketenmänner“ haben es nicht leicht. Fast alle stecken in der Midlife-Crisis. Die Frau hat sie verlassen. Sie stehen vor der Kündigung. Oder sie sind so festgefahren in den Verhältnissen, dass sie ihr Leben überdenken müssen. Beim Bier zitieren sie Tschechow („Eine Krise kann jeder Idiot erleben. Was uns auslaugt, ist der Alltag.“) oder fragen sich, ob sie die geworden sind, die sie einmal sein wollten. Wie man es vom 1966 in Bochum geborenen Goosen kennt, geht es um Musik, Fußball und ums Erwachsenwerden. Er ist der Nick Hornby des Ruhrpotts. Sein subtiler Humor und sein roher Charme sind entwaffnend.

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Durch Anspielungen hat Goosen die 16 Geschichten verknüpft, sie lassen sich, genau wie beispielsweise Ingo Schulzes „Simple Storys“, auch zusammen lesen. Etwa bei Kamerke, der seine Frau betrügen will, weil die „vorgelegt“ hat. In Berlin steigt er im Tagungshotel ab. „Wo und wann sollte er einen außerehelichen One-Night-Stand finden, wenn nicht hier und heute?“ Am Ende landet er wirklich mit einer Dame im Bett – und liest ihr aus „Madame Bovary“ vor. Ein paar Geschichten weiter – Kamerke will jetzt eine Frau interviewen, die mit einem Beatle geschlafen hat und Ende 60 sein müsste, „wenn Paul McCartney sich damals nicht versündigt hatte“ – erfährt man, dass Kamerke die Gattin nicht betrogen hat. Ist er über der „Madame Bovary“ eingeschlafen? Oder hat er sich durch diese wohl berühmteste Ehebrecherin der Literaturgeschichte die Lust verderben lassen? Das sind so Männer-Fragen.   

Text: Welf Grombacher

tip-Bewertung: Lesenswert

Frank Goosen: „Raketenmänner“ Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 18,99 Ђ

Lesung
Fritzclub am Postbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8,
Friedrichshain, Mi 12.3., 20 Uhr

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