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Clemens J. Setz: „Indigo“

Roman_IndigoAls Kind beschäftigte sich Clemens J. Setz nur mit Computern. Bis er wegen seiner Migräne auf Bücher umstellen musste. Gerade ist der Grazer 30 geworden. Er ist also in einem Alter, in dem man sich „wegen zu viel Lauch“, wie er mal sagte, „tagelang Magenprobleme zuziehen kann.“ Seine Bücher aber erinnern immer noch an Computerspiele. Auch sein Roman „Indigo“.

Setz schreibt sich darin in eine virtuelle Welt hinein. Der Held des Buches heißt wie er selbst und ist dem rätselhaften Phänomen der Indigo-Kinder auf der Spur. Die leiden am Beringer-Syndrom und verursachen allen Menschen, die in ihre Nähe kommen, Übelkeit und Erbrechen. Auch den eigenen Eltern. Im Buch recherchiert Setz in Bibliotheken, besucht betroffene Familien, interviewt Kranke und fängt als Lehrer in einem Indigo-Internat an. Übrigens wollte auch der reale Clemens J. Setz mal Lehrer werden. Das Unterrichten aber wäre für alle Beteiligten grausam geworden: „Ich kann’s einfach nicht. Es war mir egal, ob einer was verstanden hat oder nicht.“

Im Roman ist das nicht anders. Auch da verwirrt er die Leser, schaltet Artikel aus Büchern, Zeitungen und Lexika ein, die scheinbar vom Indigo-Syndrom berichten. Eine Kalendergeschichte­ von Johann Peter Hebel oder Passagen aus Robert Burtons „Anatomie der Melancholie“. Täuschend echt wirkt das alles. Doch will man die Stellen nachschlagen, gibt es sie nicht.
Setz spielt ein postmodernes Vexierspiel. Er macht sich selbst zum Helden der Handlung und verleiht so dem Roman Authentizität.

Der Leser möchte ihm alles glauben. Das ist gekonnt gemacht und liest sich auf den ersten 50 Seiten echt spannend. Dann verliert sich die Handlung leider zunehmend in Comic-Zitaten und schrägen Episoden. Denn Clemens J. Setz ist ein schlampiges Genie. Er schreibt wie Paul Auster auf Speed.
Es ist ein surreales Buch, das die Welt nicht erklären will, sondern eine neue schafft. Mag es auch nicht perfekt sein und Setz sich in seiner virtuellen Welt verlieren. Man muss es gelesen haben. Nicht, weil der Österreicher zweimal für den Deutschen Buchpreis nominiert war und ihn zweimal nicht gewonnen hat oder weil die Leute über das Buch sprechen. Nein, weil es ein reizvolles Roman-Experiment ganz auf der Höhe der Zeit ist.   

Text: Welf Grombacher
tip-Bewertung: Lesenswert

Clemens J. Setz: „Indigo“
Suhrkamp, 478 Seiten, 22,95 Ђ

 

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