Bücher

Clemens Meyers Roman „Im Stein“

ClemensMeyer_imSteinIn Clemens Meyers Roman „Im Stein“ ist es meistens Nacht. Und auch am Tag oder früh am Morgen, wenn seine Figuren nicht schlafen können oder immer noch wach sind, schleppen sie die schlechten Träume, den Sex, die Gewalt, die Geschäfte der Nacht mit sich herum: „Nacht. Morgen. Der Club ist leer. Die Stadt ist leer. Der Mond ist ein gelbes Ei. Katzen kriechen über den Hof. Ein kleines Mädchen steht am Fenster. Ein Mann sitzt hinter den Spiegeln.“

Meyers Romanfiguren sind Zuhälter, alte und junge Prostituierte, Freier, zur Prostitution in einem Leipziger Bordell gezwungene Kinder, ein Vater, der jahrelang verzweifelt seine irgendwo im Rotlicht verschwundene, vielleicht längst tote Tochter sucht, Hells Angels, desillusionierte Polizisten, mehr oder weniger kriminelle Nachtleben-Unternehmer, lauter Profis und Kunden einer tristen Branche. Meyer erzählt mit Empathie, aber ohne verlogene Romantisierungen, voyeuristische Rotlichtklischees oder simple Moralisierungen. Und er kennt sich aus in dieser Welt der Clubs und Wohnungsbordelle, des Straßenstrichs und der zerbrochenen Biografien. Man merkt es seinem Buch, wie schon seinem gefeierten ersten Roman „Als wir träumten“, an, dass er seine Figuren jahrelang beobachtet hat, dass er viele Nächte in einschlägigen Bars verbracht und genau hingeschaut und zugehört hat. Meyer erzählt, dass er bei seinen Recherchen „mit bestimmt 60, 70 Frauen gesprochen“ habe, „da habe ich faszinierende starke Charaktere getroffen, jede mit der eigenen Geschichte“.

Sein Roman ist ein einziger großer Echoraum, in dem all diese Stimmen widerhallen, Bruchstücke von Lebensgeschichten, Erinnerungsfetzen, Momentaufnahmen, die Selbstgespräche der Prostituierten beim Beischlaf mit einem Kunden, Machtkämpfe unter den Syndikaten. Meyer springt zwischen den Zeiten. Er erzählt nicht linear, Gedanken- und Assoziationsströme wie bei Faulkner oder Burroughs flackern vorbei. So entsteht nicht nur ein gewaltiges Zeitbild der letzten Jahrzehnte, sondern große Literatur von enormer erzählerischer Sogkraft. Der Roman des Jahres, völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.    

Text: Peter Laudenbach
tip-Bewertung: Herausragend

Clemens Meyer: „Im Stein“  Fischer, 560 Seiten, 22,99 Ђ

Lesung von „Im Stein“: Soda Club, 11.9., 20 Uhr

 

 

weitere Buch-Notizen:

Der in Russland per Haftbefehl gesuchte Autor DJ Stalingrad liefert in „Exodus“ Einblicke in die brutale Welt der Moskauer Anarchisten-Szene

Niemand ist eine Insel: Katharina Hartwell legt mit „Das Fremde Meer“ ein selbstbewusstes Romandebüt vor 

Donald Ray Pollock schreibt beinharte, großartige Storys, wie zum Beispiel „Knockemstiff“

Zwei Bücher über Psychopathen: „Wer hat Angst vorm bösen Mann“ und „Psychopathen“  Kevin Dutton und Borwin Bandelow formulieren ungewöhnliche Thesen zu Persönlichkeitsstörungen

Songs schreiben kann Frank Spilker. Aber einen Roman?  „Es interessiert mich nicht, aber ich kann es nicht beweisen“ heißt sein DebütDebütroman

Die Aufrechten am Karl-August-Platz: Knud Kohr nähert sich ­seinen Alltagshelden in „Helden wie ihr„, aber er tritt ihnen nie zu nahe.  

Der Journalist Ulrich Gutmair hat sich in Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende  auf die Spuren des Berliner Sounds in den 90er-Jahren begeben

Berliner Nachtleben: Susanne Gretters Anthologie mit 24 Autoren über „Berlin bei Nacht“ 

Syriens bekanntester Schriftsteller Fawwaz Haddad lässt in „Gottes
blutiger Himmel“
einen Vater im Irak um seinen Sohn kämpfen – der bei
Al-Qaida ist

In Hernan Riviera Leteliers neuem Roman: Die Liebestäuschung geht es um das ungewöhnliche Leben in der Atacama-Wüste.

Die Geschichte einer Freundschaft und einer Dreiecksbeziehung: Torsten Schulz’ Roman „Nilowsky“

 

 

Startseite Lesungen und Bücher in Berlin

 

 

Mehr über Cookies erfahren