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Colonel Kurtz der Comedy

Matias Faldbakken erzählt in seiner Rassismus-Satire „Unfun“, wie eine Familie voller Psychopathen ein blutrünstiges Videospiel produziert.

Seit einem Urlaubsunfall ist Dan Castellaneta, bekannt als Stimme der Cartoonfigur Homer Simpson, gelähmt. Eine Brücke stürzte ein, seine Frau starb dabei, Castellaneta gibt einem Schwarzen die Schuld, seitdem hasst er Schwarze. Er ist ein Rassist im Rollstuhl, der nun in einer Slasher-Videospielversion von Joseph Conrads „Heart of Darkness“ die Sprecherrolle übernommen soll. Castellaneta, als Simpson Inbegriff weißer Dumpfheit, wird nun auch noch zum Colonel Kurtz der Comedy, ein glatzköpfiges Marlon-Brando-Lookalike.


In „Unfun“, dem dritten Teil seiner „skandinavischen Misanthropie“, karikiert Matias Faldbakken Rassisten und ihre Theorien, und das höchst einfallsreich. Er schreibt die Biografien lebender Personen um und bedient sich aus dem Mythenschatz des Films. Etwa, wenn er den nigerianischen Tänzer Boladji Badejo namecheckt, der einst als kostümierter „Alien“-Darsteller sehr kurz in Erscheinung trat und nun über das Alienmonster als Wiederkehr des gewalttätigen schwarzen Sklavens philosophiert.


„Deathbox“ heisst das Videospiel, in dem ein französischer Bauarbeiter aus dem Kongo Rache nimmt für die Ausbeutung Afrikas und mit seiner Steinsäge eine Blutspur durch Paris zieht. Spieldesigner Slaktus, ein kraftsportsüchtiger Psychopath und verhinderter Künstler, entwarf „Deathbox“ als verschwurbeltes „Heart of Darkness“: Nicht der Zivilisierte geht in die Wildnis, sondern der Wilde in die Zivilisation, der „blutrünstige Vertreter der Dritten Welt dringt ein ins Herz der Kultur mit einer Steinsäge als Interface“. Die Entfremdung б la Colonel Kurtz, so Slaktus irrsinniger Gedanke, die Entfremdung von der Umwelt, betreffe uns alle – jeder sei ein König in seinem eigenen Dschungel. Und so wütet Slaktus auch innerhalb seiner Familie, in der perverse Verhältnisse herrschen. Zu seiner Ex-Frau Lucy, Abkömmling des afrikanischen Ik-Stamms, deren Angehörige auf Schmerzen dysfunktional mit Gelächter reagieren, pflegt er eine einverständliche Beziehung auf Vergewaltigungsbasis. Die pubertierenden Söhne Atal und Wataman wiederum, hyperagierend, drogenabhängig, sehen ihrer Mutter am liebsten beim Sex zu.


So eine Familie, denkt man, kann es doch eigentlich nicht geben. Und weil diese Familie nichts dazulernt, macht Faldbakken in einem blutigen (wenn auch die vielschichtigen Figuren und ihre Handlung stark vereinfachenden) Finale kurzen Prozess: Er radiert sie aus.

Matias Faldbakken, „Unfun – Skandinavische Misanthropie III“, aus dem Norwegischen von Max Stadler, Blumenbar Verlag, 270 Seiten, 19,90 Euro.

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