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Comicbuch von Ulli Lust über das Italien der 80er

Zwei 17-jährige Punkermädchen an der österreichischen Land­straße. Sie warten darauf, dass jemand sie mitnimmt. Der provinziellen Enge des Elternhauses sind sie ebenso entflohen wie der Schnorrerpunködnis in Wien. Kein Geld, keine Papiere, aber sie wollen nach Italien – in der Sonne liegen, jeden Tag so leben, als ob’s der letzte wäre. In den frühen Achtzigern, in denen Ulli Lusts Comic „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ spielt, ist das nicht ganz so einfach. Die beiden müssen über die grüne Grenze – über hohe Berge, durch finstere Wälder. Sie werden von Brennnesseln gepie­sackt und im Unterholz zerkratzt. Als sie endlich den Grenzstein erreichen, ist das Anlass für einen Freudentanz. Doch bald stellen sie fest, dass das sonnige Italien nicht ganz so paradiesisch ist, wie sie es sich vorgestellt haben.

Die 1967 in Wien geborene Comiczeichnerin Ulli Lust hat sich mit Bildreportagen und Cartoons einen Namen gemacht, in denen sie Fashion Victims oder Leute aus dem Prenzlauer Berg porträtierte, wo sie seit 14 Jahren lebt. An der über 400 Seiten starken Comicautobiografie über ihren Selbstfindungstrip nach Italien hat sie vier Jahre lang gearbeitet. Als Ich-Erzählerin versetzt sich Ulli Lust noch einmal in die Zeit, in der sie in den Straßen von Rom gebettelt und in Parks und fremden Betten genächtigt hat, meist bedrängt von einheimischen Machos, die fest davon ausgingen, dass sie mit einem Nachtquartier den Anspruch auf sexuelle Gegenleistungen erworben hatten. Die Freizügigkeit ihrer Freundin Edi macht die Sache nicht leichter. Italienische Männer, die die alleinreisenden Frauen als Freiwild betrachten, folgen ihnen auf Schritt und Tritt. Auf Sizilien passiert dann das, womit man als Leser schon gerechnet hat: Ulli, die noch nie einen Orgasmus hatte, wird vergewaltigt. Doch selbst das ist für das proppere Mädchen mit den Rastalocken kein Anlass, umzukehren. Die Geborgenheit zu Hause bietet keine Alternative zu den Erfahrungen, die sie unterwegs machen kann und muss. Ulli lässt sich Heroin spritzen und düpiert mit ihrer sexuellen Renitenz einen Mafiaboss.

In schwarz-weiß-schraffierten Bildern erzählt Ulli Lust konsequent subjektiv vom Verlust von Naivität und Vertrauen, vom Zerbrechen einer Freundschaft und von der Lust am Leben, die ihr weder Mafia noch Machos austreiben konnten. Eine raue Geschichte vom Erwachsenwerden, an deren Ende die Heldin trotz abtörnender Erfahrungen in der italienischen Männerwelt doch noch die Freuden des eigenen Köpers entdeckt – Explosionen und „Stern­­schnuppen inklusive.“  

Text: Ralph Gerstenberg

(tip-Bewertung: Lesenswert )

Ulli Lust:  „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“, avant-verlag, 464 Seiten, 29,95 Ђ

 

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