Bücher

Daniel Kehlmann: „F“

FEs war nach einer Lesung im Jahr 1999, als sich Daniel Kehlmann von einem älteren Herren fragen lassen musste: „Sie haben drei Bücher verfasst? Ich beschäftige mich mit deutscher Gegenwartsliteratur. Intensiv! Ich verfolge alles. Von Ihnen habe ich noch nie gehört.“So etwas könnte Kehlmann heute nicht mehr passieren. „Die Vermessung der Welt“ und „Ruhm“ haben sich millionenfach verkauft, wurden verfilmt. Und auch sein neuer Roman „F“ stürmt die Bestsellerlisten. Nichts gegen Terйzia Mora – aber es hätte dem Deutschen Buchpreis gutgetan, wenn mal wieder ein wirklich populärer Autor gewonnen hätte.

Daniel Kehlmann hat einen großen postmodernen Roman über den Zufall, die Lügen unserer Zeit, Philosophie und den Sinn des Lebens geschrieben. Arthur Friedland ist ein Schriftsteller, der noch kein Buch veröffentlicht hat. Ohne jeden Ehrgeiz. Das ändert sich, als er mit seinen Söhnen Martin, Eric und Iwan einen Hypnotiseur besucht, der ihm rät: „Von heute an bemühst du dich. Egal, was es kostet.“ Am nächsten Tag ist Arthur verschwunden. Alle paar Jahre erscheint ein Buch von ihm, das die Söhne missmutig lesen. Jahre später, die Jungs sind erwachsen, erzählt der Hauptteil des Romanes aus drei Perspektiven einen Tag. Martin ist Pfarrer geworden (weil es mit den Mädchen nicht klappt), Bruder Eric Vermögensberater (und pleite), Iwan fälscht Gemälde (weil die besser gehen als seine eigenen). Religion, Geld und Kunst. Drei Lebens­lügen. Es ist unmöglich, die Handlung nachzuerzählen. Wie in einem Spiegellabyrinth würde man sich verirren. Aber egal. Von diesem Kehlmann lässt man sich eh alles gerne erzählen.

Herausragend: Die Berliner Lyrikerin Ann Cotten kann auch erzählen – ihr neuer Band ist ein dunkler Fächer aus 17 Geschichten

Der Leser weiß immer mehr als die Figuren und fühlt sich gut. Daraus resultiert die sublime Komik. Kehlmann kostet Peinlichkeiten seiner Figuren aus, protzt aber nie mit seinem Wissen. Es gibt Literaturverweise auf Thomas Mann, Dostojewski, Roberto Bolaсo. In einem Kapitel wird mal kurz die fiktive Handlung eines Romanes von Vater Arthur erzählt. Oder es huscht eine Figur aus einem älteren Roman Kehlmanns durch die Szene. „F“ ist nicht so multiperspektivisch wie „Ruhm“, diese herrliche Satire aufs Medienzeitalter. Nicht so episch wie „Die Vermessung der Welt“. Aber es ist eine wahre Lust, es zu lesen.

Text: Welf Grombacher

tip-Bewertung: Herausragend

Daniel Kehlmann: „F“ Rowohlt, 380 Seiten, 22,95 Ђ

WEITERLESEN: Berliner Autoren: Tobias Prempers Roman „Durch Bäume hindruch“  

Mehr über Cookies erfahren