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Eine Zeichnerin und eine Ethnologin wollen das Bild des Ponymädchens korrigieren

Wissenschaft trifft auf Comickunst: Die Zeichnerin und Illustratorin Nele Brönner und die Ethnologin Anja Schwanhäußer arbeiten gemeinsam an einer Graphic Novel, die das Bild des Ponymädchens korrigieren will. Ein Gespräch über Ponyethnologie, Jugendkulturen und das Comicstipendium des Berliner Senats

Nele Brönners erste Entwürfe zu der Graphic Novel über einen Ponyhof im Berliner Speckgürtel

tip Nele Brönner, Sie haben in diesem Jahr das Comicstipendium des Berliner Senats bekommen. Mit welchem Projekt haben Sie sich beworben?

Nele Brönner Der Arbeitstitel ist „Ponyethnologie“ und es basiert auf einer Feldforschung von meiner Kollegin, der Ethnologin Anja Schwanhäußer, die im letzten Jahr sehr viel Zeit auf einem Ponyhof im Speckgürtel von Berlin verbracht hat. Dort werden Ponys gezüchtet und viele Mädchen sind jeden Tag da und kümmern sich um die Tiere. Diese Mädchen und ihre Coming-of-Age-Geschichten werden im Mittelpunkt der Graphic Novel stehen.

tip Anja Schwanhäußer, was erforscht man als Ethnologin auf einem Ponyhof?

Anja Schwanhäußer Der Hof ist in einer Gegend, die gerade boomt. Dort prallt eine wohlhabende Berliner Mittelschicht mit den Brandenburger Alteingesessenen zusammen. Zentral geht es um die kulturelle Figur des Ponymädchens. Es ist auch eine Gender-Intervention, denn trotz Riot-Girls und ähnlicher Erscheinungen beschäftigt sich die Subkulturforschung vornehmlich mit Jungs.

tip Das Phänomen des Pferdemädchens ist durch Magazine wie „Wendy“ und „Conny“ klar definiert. Unterziehen Sie das Bild einer Revision?

Nele Brönner Im Gegensatz zu dem Bild, das etwa die „Wendy“ produziert, zeigen wir die Mädchen, wie sie wirklich sind. Und die sind nicht schüchtern und harmlos, sondern sehr cool.

Anja Schwanhäußer Das Phänomen wird eher belächelt, die Mädchen gelten als brav und lieb und wurden bislang nicht als eigenständige Subkultur wahrgenommen. Ich sehe die ethnografische Praxis eng verzahnt mit populären Formen der Vermittlung, wie etwa dem Comic. So lässt sich das Thema gut behandeln und wird hoffentlich diese Mädchen selbst erreichen.

Nele Brönner Wir haben vor einigen Jahren schon einmal zusammen an der Schnittstelle von Comic und Wissenschaft gearbeitet. Damals hat Anja ein Buch zum Thema Stadtanthropologie herausgegeben und ich habe dazu gezeichnet. Daran knüpfen wir jetzt an.

Die Ethnologin Anja Schwanhäußer (l.) und die Zeichnerin Nele Brönner im Atelier in Mitte, Foto: F. Anthea Schaap

tip Können Sie schon etwas zur Handlung sagen?

Nele Brönner Es gibt viele kleine Erzählstränge, die um eine Gruppe von Mädchen kreisen, die dort auf dem Hof gemeinsam erwachsen werden. Eifersucht, Freundschaften und Hierarchien werden ausgelotet, aber auch Themen wie Beauty, Gel-Fingernägel und die Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Und natürlich die große Liebe zu den Tieren.

Anja Schwanhäußer Wir wollen die Konflikte, Kämpfe und Träume dieser jungen Frauen zeigen. Dieser Hof ist auch eine Metapher für Gesellschaft. Wir glauben, das Leben ist ein Ponyhof. Aber der Hof ist nicht ganz so sonnig, wie man denkt. Das ist die Methode der „Little World“, dass man aus so einem Mikrokosmos, den man erforscht, Schlüsse auf einen größeren Rahmen ziehen kann. Etwa diese Generation junger Frauen oder die Entwicklung des Berliner Umlandes. Die Zusammenarbeit funktioniert aber auch deshalb so gut, weil Comic-zeichner einen sehr sensiblen Blick für den Alltag haben und das interessiert auch Ethnografen, die genau das beschreiben.

tip Nele Brönner, hätten Sie das Projekt ohne das Stipendium verwirklichen können?

Nele Brönner Nein, das wäre sonst nicht gegangen. Die Veröffentlichung ist fürs nächste Jahr geplant, vorher wird es noch eine kleine Ausstellung im Museum für Kommunikation zu unserem Projekt geben. Jedenfalls freue ich mich, dass die Stadt uns Zeichner jetzt mit solchen Förderungen mehr würdigt. Kunst und Kultur sind für Berlin enorm wichtig und es ist richtig, wenn etwas an uns zurückfließt.

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