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Das bisschen Familientragödie

Roman, Theaterstück, Erinnerungen eines Hundes, Lexikon aus dem Jenseits. Mit „Die Frequenzen“ hat der junge Clemens J. Setz viel versucht, aber leider nur ein unausgegorenes Stück Literatur vorgelegt.
 
Seinen Romanabschnitten bekannte Zitate, Weisheiten oder Songtexte voranzustellen ist gewagt. Denn die eigene Literatur muss mit den Zitaten mithalten können. Sonst möchte man das Buch gleich weglegen und zu den prominenteren Vorbildern greifen. Der viel gelobte Clemens J. Setz, Jahrgang 1982, ist so ein Fall: Er kann leider nicht mithalten. Das zeigt sich in seinem zweiten Buch, dem Familienroman „Die Frequenzen“, eine echt österreichische Blick-hinter-die-heile-Fassade-Geschichte, die den psychischen Verfall eines verlassenen Sohns beschreiben will. Setz erzählt dessen Niedergang detailverliebt, aber mutlos, weil er  zu viele Referenzen benutzt. Lässig checkt er Rimbaud-Zitate („Ich ist ein Anderer“) und fügt Gedanken von von Bertrand Russel, Gandhi, Tom Waits und Ezra Pound („We do not know the past in chronological sequence“) mit ein. Die sollen für seine Geschichte sprechen, sind aber eben auch viel stärker als dessen eigener Ton.

setz
 
 „Die Frequenzen“ erzählt von zwei ehemaligen Schulfreunden: der verhinderte Schauspieler Walter, der Rollendarsteller in einer Gruppentherapie-Runde wird, sowie Krankenpfleger Alex, dessen Vater die Familie einst Knall auf Fall verließ. Alex und Walter verlieben sich in die gleiche Frau: Psychotherapeutin Valerie. Die landet nach einem Überfall im Krankenhaus, und vor allem Alex (Walter verschwindet irgendwann spurlos aus dem Buch) dreht daraufhin ab. Was folgt, ist ein anstrengender Mischmasch aus Roman-Erzählung, den Gedanken des Hundes der Therapeutin, Briefroman, Szenen aus der „Zauberflöte“, Ausschnitte aus dem „Jenseits-Lexikon“ sowie Theaterdialoge. Das mag man bis Seite 714 kaum aushalten, vor allem, wenn die Bildsprache so oft daneben liegt oder schier sinnlos ist: Da ist die Zahl Eins „lediglich die Vorform einer Zahl, eine Art abstrakte Masturbation“, da gibt es ein „hilfloses Händeringen, nur mit den Kiefern“ und der „Pulsschlag wird zum Knirschen eines im Packeis feststeckenden Kahns“. Und der schwere Riss, der Alex’ Familie durchzieht, existiert wirklich, er wird – Österreich – in der Wand im Keller gefunden. Entscheidend für den Familienfrieden seien die bedeutungsschweren, Titel gebenden „Frequenzen“: Ob Frequenz der Tonlage oder Ohrensausen, wer die Höhe richtig deutet, den Ton, nicht, was gesagt wird – der versteht sich. Was immer das meint.
 
Weniger Rätsel, weniger Figuren, ein einheitlicher Stil – und aus den „Frequenzen“ ergäbe sich eine schlüssige Geschichte. Oder zumindest ein schöner Bericht aus Österreich. Denn das kann Setz leisten, in all seiner Trostlosigkeit: „Um fünf Uhr früh ist eine schmale Nebenstraße in (…) Graz etwas sehr Intimes, wie ein windiger, verlassener Parkplatz hinter einem Zirkuszelt oder der geräuschlose Innenhof eines Krankenhauses, in dem gerade ein Nachkomme geboren worden ist.“
 
Clemens J. Setz, „Die Frequenzen“, Residenz Verlag 2009, 714 Seiten, 24,90 Euro.

Copyright Foto: Beck
 

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