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Das gläserne ?Paradies

Martin Burckhardt

Krieg und Terror sind vorbei, das ECO-System mit dem globalen Game-Konzern Nollet hat das Industriezeitalter abgelöst und verspricht ein besseres Dasein. In der Konzernzentrale betritt ein Mann von „auffälliger Unauffälligkeit“ einen Raum. Er hat sich eines Vergehens schuldig gemacht. Sein Punktestand (Score) ist dramatisch abgesackt. Was folgt, ist eine verbale Inquisition. Plötzlich erbricht der Verhörte Blut und fällt, er schlägt mit dem Schädel auf dem Steinfußboden auf. Nicht Mord. Selbstmord. Das sollte nicht passieren. Ein „Störfall“. Nun muss der Inquisitor selbst büßen, sich für seinen Fehler verantworten und einem „Wiedereingliederungsprogramm“ unterziehen.
Martin Burckhardts Welt spielt im Jahr 2039, aber sie ist nur bedingt Vision, Utopie, Dystopie, sie ist schon jetzt teilreal. „Ich habe nichts erfunden“, sagt er, während er in einem Restaurant am Rüdesheimer Platz kunstvoll ein Pastagericht mit der Gabel auffädelt und eine besorgniserregende Oxford-Studie zitiert. „Ich habe bereits Angelegtes nur weitergedacht.“ Womit er sich einreiht in die Liste der großen Vorausdenker wie George Orwell, Aldous Huxley, Daniel Suarez.
„Score“ – der bereits nach einem Monat in zweiter Auflage vorliegende Roman des Wahl-berliners – behandelt den Zusammenbruch der Banken und Staaten. Statt Kapitalismus gilt als oberstes Gesetz die Freiheit des Spielens und das Streben nach kollektivem Glück.
Die Kehrseite dieser neuen Spaßspezies: Ende von Geschlechtlichkeit und Privatsphäre. Blut als Datenspeicher und Volkskörper. Psycho-Bots. Der computer­- und genetisch optimierte Mensch. Es gibt zwar noch eine exterritoriale, wilde Anderswelt, die Zone. Im ECO-System aber herrscht Kontrolle und Strafe bei Abweichung. Ist das dann also die Zukunft?
„Die nahe Zukunft“, konkretisiert Burckhardt. Und in der gilt das Prinzip „lieber gläsern als tot“? „Genauso wird es sein“, sagt er, um dann in „No Country for Old Men“-Manier fortzufahren: „Mehr ist nicht drin.“
„Und es wird schlimmer kommen als im Roman. Die Digitalisierung wird zuschlagen, dass wir uns fürchten werden. Allein in Deutschland verschwinden 15 Millionen Jobs.“
Ein düsterer Autor? Nicht die Bohne. Burckhardt – 1957 in Fulda geboren, Studium in Köln, Dozent, Programmierer, Theoretiker und Heimtrainersportler – redet mit ausgelassener Heiterkeit und ungeheuer denkschnell. Von Putins Petersburger Troll- und Propagandafabrik. Vom Geistlichen und Experimentalphysiker Abbй Nollet, Namenspatron der Score-Zentrale. Von „Twin Complex“ – einem Browserspiel, bei dem man nach bestandenem Psychotest zum Agenten einer geheimen Gesellschaft aufsteigt und das er dort entwickelt hat, wo auch das Headquarter seines Romans ist: in den Katakomben des Tempelhofer Flughafens.
Burckhardt hat einen Sohn – und einen berühmten Vorfahren: Scheich Ibrahim. Oder anders: Muslim Burckhardt, der Entdecker von Petra und Abu Simbel. Ähnlichkeiten sind keine vorhanden. Weder trägt der im Berliner Süden Beheimatete einen Turban noch einen Bart. Aber so, wie die Dinge liegen, ist er auf gutem Wege, ähnlich von sich reden zu machen wie jener dort aus dem 18. Jahrhundert. Schon jetzt bescheinigt man „Score“ internationales Niveau und sieht ihn in seiner Komplexität vor Dave Eggers „The Circle“, der ein Jahr zuvor erschien und ähnliche Themen anstößt.
Und das Gute dabei ist: Anders als bei Orwells „1984“ muss der Leser nicht 36, sondern nur 24 Jahre durchhalten, um zu sehen, ob der Autor mit seinem Szenario richtig lag oder nicht.

Text: Andreas Burkhardt

Foto: Waldemar Salesski; Knaus Verlag

Zum Autor: Computer & Games – Burckhardt beschäftigte sich früh u. a. mit der Kulturgeschichte des Computers. Ab 1990 Lehrtätigkeit an diversen Einrichtungen. Ab 2000 Gamedesign. Seinen debütroman „Score“ stellt er als Summe seiner bisherigen Aktivitäten dar. Mehr zum Autor: burckhardt.ludicmedia.de

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